Der japanische Porsche-Fan Kazumi Araki ist völlig aus dem Häuschen – hat er doch gerade entdeckt, dass sein Porsche 550 Spyder mit der Produktionsnummer 65 neben dem soeben zwei Jahre lang restaurierten Exemplar des Porsche Museums steht, der Nummer 64. Ein echter Zufall: Wurden doch nur 130 Stück der millionenteuren automobilen Juwelen gebaut. Beide gehören zu dem 120 hochkarätigen Klassiker umfassenden Feld, das zur 26. japanischen Mille Miglia aufgebrochen ist. Das ist die knapp 1.400 Kilometer lange exotische Version der berühmten Oldtimerrallye in Italien, hier in Japan „La Festa Mille Miglia“ genannt.

Was liegt für das Porsche Museum näher, als die diesjährige Fahrsaison mit einer besonderen Veranstaltung im fernen Asien zu beenden? „Zum Abschluss des Jubiläumsjahres ‚70 Jahre Porsche Sportwagen‘ wollten wir noch etwas für uns völlig Neues machen und in einem ganz anderen Markt auftreten,“ sagt Achim Stejskal, Leiter des Porsche Museums. „Und Japan ist ein traditioneller Porsche Markt. Hier trifft man auf eine echte Auto-Kultur.“

Vier Modelle aus der Unternehmenssammlung am Start in Tokio

Die Ehre, den millionenteuren 550 RS Spyder durch die 25-Millionen-Metropole Tokio und anschließend durch die Mitte Japans zu chauffieren, bekommt der Geschäftsführer von Porsche Japan, Toshiyuki Shimegi, gemeinsam mit seinem Co-Piloten, dem Journalisten Yoshio Fujiwara. Flankiert wird der straßenzugelassene Rennwagen von einem weißen Porsche 356 Speedster aus 1955, pilotiert von dem berühmten japanischen Chocolatier Sadaharu Aoki gemeinsam mit dem Journalisten Kazuhiro Nanyo. Außerdem am Start ist ein 356 B 1600 Super 90 von 1962 mit Achim Stejskal und dem Redakteur Michael Schröder als Team sowie ein Porsche 356 A 1600 von 1956, besetzt mit Alexander Klein, dem Leiter des Fahrzeugmanagements im Porsche Museum und Redakteur Roland Löwisch. „Wie in Japan haben auch im Porsche Museum lebendige Traditionspflege und Zukunftsorientierung einen gleichermaßen hohen Stellenwert,“ sagt Klein, der auch die historischen Fahrveranstaltungen und die Unternehmenssammlung verantwortet. „Und es freut uns sehr, wie überschwänglich die japanischen Zuschauer und Fans auf unsere historischen Porsche reagieren und wie freundlich wir aufgenommen werden. Als einzige Deutsche sind wir hier die Exoten im Feld.“

Das japanische Publikum reagiert am Straßenrand enthusiastisch


Tatsächlich reagiert das japanische Publikum am Straßenrand und in den Sonderprüfungen sowie an den Stempelstellen geradezu enthusiastisch auf das erlesene Feld der Oldtimer – aber besonders auf die vier Wagen mit den deutschen Kennzeichen. Klein: „Diese Begeisterung der Menschen für unsere Autos hat alle Mühen des exotischen Einsatzes mehr als nur entschädigt. Es ist ein großes Erlebnis für uns als Historische Öffentlichkeitsarbeit, bei diesem Event buchstäblich zu erfahren, wie gelebte Tradition praktiziert wird. Japan und Porsche verbindet mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Dass Zukunft und Herkunft untrennbar in der Kultur verankert sind, ist eine starke Parallele.

Vier Etappen, zusammen knapp 1400 Kilometer

Eher modern zeigt sich Tokio, eine pulsierende Millionenstadt, wo die erste Etappe startet – nach der traditionellen Segnung der Autos und Teilnehmer am Startpunkt, dem Meiji-Schrein. Erstmals seit der Katastrophe von Fukushima kann wieder die originale Strecke der ersten Japan-Ausgaben gefahren werden, die zunächst über viele Autobahnkilometer und nach einem Besuch im Reetdachdorf Ouchijuku ins knapp 370 Kilometer entfernte Lake Resort Urubandai führt. Hier wird am zweiten Tag eine gut 340 Kilometer lange Schleife gefahren, die Sonderprüfungen auf der Link-Rennstrecke, den Besuch des diesmal nebligen Fukushima Sky Parks und der Schlösser Shiroishijo und Tsurugajo beinhaltet. Der mit 444 Kilometern sehr fahrintensive Tag drei führt in die British Hills, zum Schloss Kominejo, zum Hunter Mountain und über die Hero-Sinoi-Rennstrecke nach Narita. Der letzte Fahrtag erscheint mit 236 Kilometern recht kurz, aber die beeindruckende Shinshoji-Tempelanlage in Narita, die vielen aneinander gereihten Sonderprüfungen auf der Sodegaura-Forest-Rennstrecke, der Besuch des skurrilen Tokyo-German-Village und zurück durch das ständig verstopfte Tokio beansprucht viel Zeit.

Auf vielen Landstraßen sind nur höchsten 50 km/h erlaubt


Eine echte Herausforderung für Mensch und Maschine – besonders für die deutschen Teams: In Japan wird links gefahren, nicht mal in der Hauptstadt wird gehupt, die Ampelphasen sind extrem lang, vor Bahnübergängen muss bis zum Stillstand gestoppt werden und auf vielen Landstraßen sind nur 40 oder höchsten 50 km/h erlaubt. „Eine eher sportliche Fahrweise wie bei der Rallye in Italien wird durch die Regularien der Japaner gebremst. Hier reist man eher als dass man rast,“ interpretiert Stejskal die strengen Verkehrsregeln. Die vier Oldies aus dem Porsche Museum zeigen trotzdem, was in ihnen steckt – zum Beispiel, wenn sie an steilen Serpentinen oder auf den Rennstrecken gefordert werden. Da macht es sich bezahlt, dass Porsche-Mechaniker die Autos gut vorbereitet haben und sie perfekt betreuen. Und dabei ist die Werkstattcrew nur mit kleinem Gepäck gereist: Nur drei Werkzeugkisten und ein Ersatzrad sollten genügen.

Und das Ergebnis? 44 Teilnehmer kommen nicht ins Ziel – die vier Museums-Autos aber beuteln keine Probleme. Alle vier Wagen überstehen die insgesamt 5.600 Kilometer ohne Schramme und Panne, die Teams sind voller neuer Eindrücke dank Tempelanlagen, Wolkenkratzern, Amphibienbussen und den vielen weltoffenen und zuvorkommenden Menschen. Da kann man verschmerzen, dass es in einigen Gegenden aussieht wie die Eifel oder das Allgäu. Die Paviane in und rund um die heißen Quellen von Miyagi, die fast quadratischen Kei-Cars oder die ausgezeichnete japanische Küche holen Zweifler schnell wieder auf den Boden der Exotik zurück.

Übrigens: Spyder-Fahrer Kazumi Araki hat zwar genauso wenig wie die Teams in den deutschen Wagen die japanische Mille Miglia gewonnen, aber dafür bekam er beim großen Gala-Abend mit Schirmherrin Prinzessin Akikko von Japan aus den Händen von Alexander Klein den Sonderpreis des Porsche Museums für sein Engagement überreicht: einen Porsche Design Sektkühler in Form eines luftgekühlten Porsche Zylinders.

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