„Jetzt bringt jeder seine Stärken ein“

Auch bei Porsche stehen aufgrund der Corona-Krise seit Wochen die Bänder still. Was bedeutet die aktuelle Situation für Politik und Wirtschaft? Die Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und Michael Kretschmer reden mit Vorstandschef Oliver Blume über das tägliche Krisenmanagement, persönliche Opfer und die Lehren für die Zeit nach Corona.

Meine Herren, verändert die Corona-Krise das Verhältnis vom Staat zur Wirtschaft? 

Kretschmann: Das gute Verhältnis, das wir über Jahre aufgebaut haben, zahlt sich jetzt aus. Auf meinen Aufruf an die Wirtschaft uns bei der Produktion von Schutzausrüstung und medizinischen Geräten zu unterstützen, haben sich inzwischen rund 350 Firmen mit Angeboten gemeldet – ein überwältigendes Echo. Wenn Firmen wie Porsche oder Daimler uns dabei helfen, Schutzkleidung zu beschaffen und Atemmasken aus China einfliegen, dann ist das eine großartige Sache.

Müssen Unternehmer jetzt ausbügeln, was die Politik verpasst hat, indem sie nicht ausreichend vorgesorgt hat?

Blume: Nein, das sehe ich anders. Im positiven Sinn: jetzt bringt jeder seine Stärken ein. Eine Pandemie in diesem Umfang konnte keiner voraussehen. Was-wäre-gewesen-wenn-Debatten helfen nicht weiter. Wichtig ist, dass wir alle zusammenstehen und uns unterstützen. An unseren Standorten mit dem Land Baden-Württemberg und dem Freistaat Sachsen läuft die Kooperation hervorragend. Im Schulterschluss werden wir die Krise erfolgreich meistern – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft leisten dafür gemeinsam ihre Beiträge.

Kretschmer: Wir spüren in der Tat einen sehr gesunden Patriotismus bei den Unternehmen, nicht nur bei den Vorständen, auch bei Eigentümern und den Mitarbeitern. Bei allen existenziellen Sorgen, die jeder für sich hat, gehen wir die Sache gemeinsam an. Dabei lernen wir die Vorzüge globaler Unternehmen schätzen; Porsche zum Beispiel hat in China ein ganz anderes Netzwerk wie wir es als Landesregierung je haben könnten. Das hilft enorm, Hilfsgüter nach Deutschland zu bringen.

Was kann ein Hersteller von Luxus-Sportwagen leisten, wenn es um die Gesundheit geht?

Blume: Wir haben in unserem Umfeld und mit der Politik geprüft, wo der konkrete Bedarf am größten ist und welche Hilfe schnell realisiert werden kann. Darüber ist das Programm ‚Porsche hilft’ entstanden. Zum Beispiel unterstützen Berater von Porsche Consulting die Krisenstäbe der beiden Bundesländer, auch unsere IT-Spezialisten von MHP sind dabei im Einsatz. Wir organisieren zudem die Lieferketten für Schutzkleidung, spenden Ausrüstung aus unserem Lager, außerdem Geld für Krankenhäuser und Lebensmittel für Tafeln; das Spendenbudget haben wir um fünf Millionen Euro aufgestockt. Zudem engagieren sich unsere Beschäftigten ehrenamtlich; ausgebildete Sanitäter sind gefragt, auch Fahrer für Hilfsorganisationen. Um das alles zu organisieren, haben wir eine Plattform aufgebaut: für Deutschland, aber auch weltweit. Jeden Tag besprechen wir die Aktivitäten.

Wie lange halten wir diesen Ausnahmezustand noch durch? Wie stehen die Chancen für eine Lockerung nach Ostern?

Kretschmer: Ich sage allen Ungeduldigen: So lange es nötig ist, müssen wir durchhalten. Schaut nach Frankreich oder Italien, dann seht ihr, was uns derzeit Schreckliches erspart bleibt. Wir haben bisher vermieden, dass Patienten hilflos auf dem Fluren der Krankenhäuser liegen. Wir haben keine Bundeswehr-Transporte, die gestorbene Menschen abholen. 

Kretschmann: Natürlich haben wir im Hinterkopf, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie die Wirtschaft schädigen. Wenn die Krise aber unkontrolliert verlaufen würde, dann würde das Menschen wie Unternehmen noch unermesslich stärker schädigen. Das muss sich jeder klar machen. Das heißt: Wir halten so lange durch, wie wir durchhalten müssen. Deswegen können wir nur um Geduld bitten. Die Möglichkeit einer Lockerung hängt davon ab, wie sich die Zahl der Infizierten entwickelt, wie viel Personal, wie viel Testkapazitäten und wie viel Intensivbetten wir organisieren können. Und vor allem: wie wir die Risikogruppen schützen. Daran arbeiten wir mit großer Kraft, gleich nach Ostern, treffen sich die Ministerpräsidenten, dann wird man hoffentlich sehen, ob wir in absehbare Zeit mit der Lockerung anfangen können. 

Blume: Da stimme ich der Politik zu: Wir dürfen das Land nicht vorschnell wieder hochfahren. Wir müssen gemeinsam besonnen und schrittweise vorgehen. Gleichzeitig bereiten wir uns als Unternehmen schon jetzt im Detail darauf vor. Für die Fabriken gehen wir gedanklich den kompletten Arbeitstag durch; von Fiebermessungen zuhause, über Schutzbekleidung und Hygiene bis zur Organisation der Arbeitsplätze. Die Sicherheit der Menschen steht beim Wiederanlauf der Produktion im Vordergrund.

Übersteht Porsche den Shutdown ohne Staatshilfe?

Blume: Ja, den überstehen wir. Allein Unterstützung haben wir für etwa 1/3 der Belegschaft beantragt, die sich wie in vielen anderen Unternehmen auch in Kurzarbeit befindet. Hier geht es nicht um Staatshilfen. Es ist eine Versicherungsleistung, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer selbst über Jahre bei der Bundesagentur eingezahlt haben. Insgesamt verfügen wir über eine solide Liquidität, die über mehrere Monate reicht, aber natürlich auch endlich ist. Größere Gedanken mache ich mir um unsere weltweiten Lieferanten und unsere Partner im Handel: Wie stabil sind sie, wie weit reicht deren Liquidität? Und wie organisieren sie den Wiederanlauf? Das haben wir im Blick.

Bestellt im Moment irgendjemand einen Porsche? 

Blume: Das schon, aber die Situation ist sehr unterschiedlich in den jeweiligen Weltregionen. In China, wo wir im Februar alle Handelsbetriebe geschlossen hatten, erholt sich die Nachfrage bereits wieder deutlich. In Europa dagegen ist der Handel deutlich eingeschränkt. Aber gerade in Phasen wie diesen entstehen bei den Menschen Träume und Bedürfnisse. Der Bedarf an Sportwagen ist nach der Krise vielleicht sogar höher als vorher, das wäre zumindest mein Wunsch.

Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
Porsche-Chef Oliver Blume

Wie lange wird das Volk stillhalten? Wann wird das Murren über die Einschränkung der Freiheit zum offenen Protest?

Kretschmer: Was wir machen, tut die ganze Welt, um sich gegen die Ausbreitung des Virus zu schützen. Die Maßnahmen entspringen nicht staatlicher Willkür sondern sie retten Leben. Nur so haben wir es bisher geschafft, die extreme Ausbreitung zu kontrollieren. Es kann aber auch sein, dass wir in einigen Tagen wieder höhere Infektionsraten sehen, darauf müssen wir zumindest gefasst sein. Sicher ist: Jeder andere Weg hätte noch viel dramatischere Folgen.

Kretschmann: Natürlich gibt es immer Menschen, die das nicht einsehen. Aber im Großen und Ganzen hält sich die Bevölkerung an die einschneidenden Einschränkungen. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Sind wir zu schnell, zu unvorsichtig mit der Normalisierung, und müssen hinterher womöglich noch schärfere Maßnahmen verkünden, dann verspielen wir erst recht das Vertrauen der Bevölkerung. Vorerst können wir nur um eiserne Geduld bitten.  

Das Land wird nicht auf einen Schlag zur Normalität zurückkehren, sagt die Kanzlerin. Wie genau hat man sich das vorzustellen?

Kretschmann: Die Lockerung wird stufenweise passieren, das ist sicher. Wie genau, daran arbeiten die Stäbe. Faktoren dabei sind die Ansteckungsgefahr in den jeweiligen Bereichen sowie deren wirtschaftliche Bedeutung. Ein Autohaus ist sicher anders zu beurteilen als ein Wirtshaus, weil es dort viel schwieriger ist die körperliche Distanz zu wahren. Je geduldiger wir jetzt die Beschränkungen ertragen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine absehbare, allmähliche Öffnung. Und nochmal: Wir haben die Bedeutung der Wirtschaft im Kopf, sehen, wie toll Unternehmen sich engagieren - das wirkt positiv zurück.

Kretschmer: Politik und Wirtschaft halten eng zusammen. Nur so können wir diese Krise auch gemeinsam überstehen. Jetzt spüren wir als Gesellschaft insgesamt, wie sehr wir auf die Wirtschaft angewiesen sind. In der Krise wird deutlich, was die ökonomischen Grundlagen für jeden einzelnen bedeuten. Diese Solidarität, die wir jetzt erleben, führt hoffentlich zu der Erkenntnis, dass wir nach der Krise genauer zuhören, wenn Unternehmer sagen, was es an unternehmerischer Freiheit braucht, um global wettbewerbsfähig zu sein.

Kretschmann: Jetzt zeigt sich auch, was es braucht, Dinge schnell anzustoßen und wie überflüssig manche Überbürokratisierung ist. 

Das klingt wie die Ermunterung an die Wirtschaft, demnächst Gegenleistungen zu fordern.

Blume: Nein, darum geht es nicht. Die Wirtschaft unterstützt die Politik und die Politik die Wirtschaft. Und gemeinsam engagieren wir uns für die Menschen. Die Gesellschaft als Ganzes muss zusammenstehen, und wir leisten unseren Beitrag, ohne Anspruch auf eine spätere Gegenleistung.

Die Autoindustrie verlangt doch bereits, die Öko-Auflagen zu lockern angesichts der Belastungen durch die Krise. Ist die Politik dazu bereit?

Michael Kretschmer, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, 2020, Sächsische Staatskanzlei
Michael Kretschmer, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen

Kretschmer: Man muss ja nicht gleich mit so einem Konfliktthema anfangen. Notwendig sind mehr Freiheitsgrade für Unternehmen. Das sehe ich sehr wohl. Nach 1945 und nach 1989 haben wir das Land nicht durch Superregulierungsprogramme aufgebaut, sondern mit viel Freiheit. Wir müssen aufpassen, aus der Krise nicht die falschen Schlüsse zu ziehen, etwa die Globalisierung zurück zu drehen, weil jetzt nicht schnell genug Schutzmasken geliefert werden. Ich glaube nicht, dass es die richtige Lehre wäre, 100 Prozent Selbstversorgung in Deutschland anzustreben.

Blume: Die Globalisierung hat viele positive Aspekte und internationaler Austausch wird weiterhin eine hohe Bedeutung haben. Globalisierung wird in Zukunft vielleicht etwas anders aussehen und mit mehr Bedacht laufen. Sie leistet aber einen erheblichen Beitrag für den Wohlstand auf der Welt. Für die Politik nach der Krise wäre es wichtig, schnell mit konkreten Kaufanreizen die Wirtschaft anzukurbeln; im Interesse der gesamten Gesellschaft. Und was die Ökologie betrifft: Wir stehen zu den CO2-Zielen, setzen unsere Nachhaltigkeitsstrategie konsequent fort, lassen uns dabei auch von Experten beraten. In den nächsten fünf Jahren investieren wir 15 Milliarden Euro für Themen wie E-Mobilität, nachhaltige Produktion und Digitalisierung - daran ändert Corona nichts.

Kretschmann: In Baden-Württemberg haben wir nach der Dieselaffäre, als die Autoindustrie sich selbst schwer geschädigt hatte, einen Strategiedialog begonnen, das war was ganz Neues: Autohersteller, Energiewirtschaft, Kommunen, Wissenschaft, Politik - alle hocken an einem Tisch, um den Transformationsprozess zu besprechen, mit konkreten Ergebnissen wie zum Beispiel einem flächendeckenden Ladenetz für das Land. Nach der Corona-Krise gilt: Jetzt erst recht! Wir müssen zusammenarbeiten, gegenseitig Vertrauen aufbauen.

Wenn jetzt die ganze Welt stillsteht, verzögert das die Verkehrswende hin zur E-Mobilität?

Blume: Ganz sicher nicht. Bei Porsche haben wir bereits vor Jahren eine klare, nachhaltige Produktstrategie beschlossen, die treiben wir weiter voran. Ich glaube sogar: Das Leben nach der Krise wird bewusster, es wird einen deutlichen Schub geben in Richtung E-Mobilität. Viele Menschen machen sich gerade Gedanken, was das Leben lebenswert macht. Ich gehe davon aus, dass emissionsarme Technologien dabei noch stärker in den Vordergrund rücken. 

Kretschmann: Die Klimakrise verschwindet ja nicht. Die Corona-Krise werden wir spätestens mit einem Impfstoff beenden, gegen die Erderwärmung gibt es keine Impfung, dieses Problem bleibt. Wir müssen es daher als Chance begreifen, im Wieder-Hochfahren der Wirtschaft diesen Aspekt mit ein zu kalkulieren. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass die Industrie eine schwere Delle abbekommt. Vielleicht muss die Politik deshalb manches neu justieren, in den Anstrengungen für den Klimaschutz dürfen wir aber nicht nachlassen. Würden wir das Ziel von maximal Zwei-Grad-Erwärmung aufgeben, hätte das verheerende Konsequenzen; für die Menschen, für die Wirtschaft, für uns alle. Das sollte man im Hinterkopf haben, auch wenn wir aktuell andere Prioritäten haben. 

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, 2020, Staatsministerium Baden-Württemberg
Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg

Im Moment packt die Politik Milliarde für Milliarde in Rettungspakete. Irgendjemand muss dafür am Ende bezahlen. Wer wird das sein?

Kretschmann: Letztlich alle. Die meisten Menschen werden nach der Corona-Krise erst mal ärmer sein. Wenn wir in Baden-Württemberg für fünf Milliarden einen Schutzschirm spannen, müssen wir das Geld binnen zehn Jahren tilgen, das heißt: Eine halbe Milliarde im Jahr im Haushalt muss anderswo eingespart werden. Das Geld fällt ja nicht vom Himmel. Machen wir uns nichts vor: Das wird eine harte Debatte geben, wer diese Kosten trägt. Nur nicht jetzt, nicht mitten in der Krise, da hat es wenig Sinn, darüber zu streiten. 

Kretschmer: Erst einmal können wir als Deutsche dankbar sein, dass wir in der Lage sind das nötige Geld zu mobilisieren, um Rettungsfonds für die Wirtschaft aufzulegen und das Gesundheitssystem hoch zu fahren. Sogar so weit, dass wir Patienten aus anderen Ländern aufnehmen können – das ist ein wichtiges Zeichen der Solidarität in Europa. Da bin ich sehr dafür, aber nicht für die allgemeine Vergemeinschaftung von Schulden, die jetzt unter dem Namen Corona-Bonds daher kommt.

Blume: Es wird ein sehr großer Kraftakt, nach der Krise das wirtschaftliche und gesellschaftliche System wieder in Schwung zu bringen. Dazu muss jeder einen Beitrag leisten, im Großen wie im Kleinen. Zum Beispiel eröffnen wir bei Porsche unseren Mitarbeitern die freiwillige Option, einen Teil ihrer Erfolgsbeteiligung zu spenden. Als Vorstandsteam begleiten wir diese Initiative mit einer privaten Spende von einer halben Million Euro an Krankenhäuser und wohltätige Organisationen. Der Zusammenhalt, den unsere Gesellschaft gegenwärtig zeigt, wird uns alle positiv prägen - und Kraft geben für die Zukunft.

Kretschmann: Ich bin ganz zuversichtlich, dass wir gut rauskommen aus der Krise. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftskrisen kam die Ursache, das Virus, von außen. Sobald wir die Pandemie im Griff haben, spricht deshalb alles dafür, dass es wieder aufwärts geht.

Info

Text erstmalig erschienen in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Das Gespräch führte Georg Meck.

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