Ist bald jeder vierte Kreditvertrag in Gefahr?

Laut Umfrage von Porsche Consulting machen sich Bankkunden Sorgen wegen ihrer Ratenzahlungen.

In jedem vierten deutschen Haushalt müssen sich die Menschen wegen der Corona-Krise finanziell einschränken. In Ostdeutschland ist schon jeder dritte Haushalt betroffen. Das ergibt eine aktuelle repräsentative Umfrage der Managementberatung Porsche Consulting, die dafür im April Interviews mit 1011 Menschen im Alter zwischen 25 und 65 Jahren führen ließ. Gerade weil die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie in Deutschland noch nicht für jeden Einwohner im vollen Ausmaß spürbar sind, alarmieren die Ergebnisse.

In typischen Familien mit vier Personen müssen sich drei von zehn Haushalten einschränken. Familien mit einem Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 2000 Euro im Monat sind überdurchschnittlich stark betroffen. Sparkassen und Banken registrieren die Situation. Kunden machen sich Sorgen, ob sie ihre laufenden Kredite weiterhin abbezahlen können. Zins und Tilgung für ihre Darlehen wurden bei stabilen Einkommensverhältnissen kalkuliert, nicht unter dem Einfluss von Kurzarbeit oder dem Risiko des Jobverlustes. Vier von zehn Deutschen zahlen jeden Monat Raten für einen oder mehrere Konsumentenkredite oder eine Bau- oder Autofinanzierung ab. Überdurchschnittlich hoch ist der Anteil der Kreditnehmer in der Altersgruppe von 36 bis 45 Jahren. Das ist die Lebensphase, in der jüngere Familien sich zum Beispiel eine Wohnung oder ein Haus gekauft haben – gerade angesichts der niedrigen Zinsen.

Drei Prozent der Kreditnehmer sind aufgrund der Corona-Krise bereits mit der Rückzahlung des geliehenen Geldes in Verzug geraten. Weitere 17 Prozent befürchten, dass es mit dem Abbezahlen eng werden könnte, ergab die Analyse, für die Porsche Consulting die Menschen in Deutschland vom Marktforschungsinstitut Forsa befragen ließ. „Auf den ersten Blick sehen diese Zahlen vielleicht noch nicht so dramatisch aus“, sagt Dr. Matthias Tewes, Senior-Partner bei Porsche Consulting und verantwortlich für die Branche Finanzdienstleistungen. „Aber sobald die Haushalte die finanziellen Folgen der Kurzarbeit zu spüren bekommen, werden diese Werte nochmal deutlich steigen.“

Warum die Geldinstitute jetzt handeln müssen, erklärt Bankenexperte Tobias Dziggel, Partner bei Porsche Consulting. Er rechnet vor: „In Deutschland beträgt das Volumen an Konsumentenkrediten rund 240 Milliarden Euro. Wir haben analysiert, dass 20 Prozent der Kreditverträge schon bald gefährdet sein können. Das muss auch Banken und Sparkassen alarmieren. Noch ist es für die Geldinstitute nicht zu spät. Sie sollten im Rahmen des Risikomanagements ihr Kreditportfolio überprüfen, dann das individuelle Gespräch mit den betroffenen Kunden suchen, um gemeinsam tragbare Lösungen zu finden.“ Dafür haben Tewes und Dziggel mit ihren Beraterteams entsprechende Modelle entwickelt, die im Resultat beiden Seiten helfen – den Banken und den Kunden.

Veränderungen stellen die Berater auch bei Geldanlagen fest, insbesondere bei der auf Langfristigkeit ausgelegten zusätzlichen Altersvorsorge. Sechs Prozent der von Porsche Consulting Befragten stecken derzeit geringere Summen als sonst in Sparformen. Fünf Prozent reduzieren die monatlichen Einzahlungen in ihre private Altersvorsorge oder setzen sie zeitweise sogar ganz aus. „Bezogen auf die Gesamtzahl der Verträge heißt das: Derzeit fließen in etwa jeden siebten Vertrag geringere oder gar keine Einzahlungen“, sagt Tewes, der auch hier der Finanzwirtschaft empfiehlt, „Schadenbegrenzung zu betreiben bevor es dafür zu spät sein könnte“. Tewes: „Aus unserer Sicht als Berater geht es jetzt für die Banken darum, notgedrungene Vertragsstornierungen und Zahlungsunfähigkeiten ihrer Kunden zu verhindern. Mit klugen und verantwortungsbewussten Lösungen sollten sie ihre Produkte im Kredit- und Geldanlagebereich an die Situation anpassen. Denn die schwierige Lage wird noch lange ihre Auswirkungen auf die Finanzwirtschaft und auf die Verbraucher haben.“

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