15.05.2014

Nardò!

Ein perfektes Rund mit endlosen Möglichkeiten – das ist die Pista di Nardò in Süditalien: Die 12,6 Kilometer lange Kreisbahn ist durch ihre Bauweise ideal für Hochgeschwindigkeitsdauerläufe.

Die apulische Sonne brennt unbarmherzig auf den Asphalt: Die Luft flirrt über der Piste, die erst auf den zweiten Blick in Richtung Horizont verrät, dass sie sich zu einem riesigen Kreis krümmt und wie ein Schüsselrand bis zu zwölf Grad nach innen neigt. „La Pista di Nardò“ – hier werden Auto-Legenden gemacht.

Der perfekte Kreis aus Teer ist seit seiner Eröffnung 1975 immer wieder Heimstätte von Rekorden gewesen: Hunderte sind es in den letzten Jahrzehnten geworden. Dabei war der Rundkurs nie Rennstrecke, sondern ist seit jeher ausschließlich zu Testzwecken verwendet worden. Die idealen Bedingungen für Tests auf den insgesamt vier Bahnen des Kreises lassen Geschwindigkeiten zu, die andernorts nur mit deutlich mehr Problemen machbar wären. Exakt 387,87 Stundenkilometer schnell war hier etwa ein Koenigsegg CCR – und das Ende Februar 2005, also im meteorologischen Winter. Und es geht sogar noch schneller: Im Jahr 1979 erreichte etwa ein Mercedes-Benz C1 eine Geschwindigkeit von 403,98 km/h.

„Einer der großen Vorteile von Nardò ist das Klima: Tests können hier in Apulien ganzjährig gefahren werden, es gibt kaum Regentage oder Frost“, erklärt Francesco Nobile, Managing Director des Nardò Technical Center. Nobile kennt die Vorzüge des in Fachkreisen als schnellster Rundkurs der Welt gehandelten Kreises und von dessen Nebenanlagen. Die Kreisbahn mit ihren vier parallelen Bahnen plus innenliegender Notspur lässt Höchstgeschwindigkeitsfahrten zu, die mit geringer Vertikalbelastung und damit geringem Reifenverschleiß die rasante Fahrt beherrschbar halten: Auf der äußersten Bahn vier – wie die anderen drei Spuren ebenfalls vier Meter breit – sind dank der Innenneigung 240 Stundenkilometer möglich, ohne durch Einlenken den Kurs halten zu müssen. Bahn drei eignet sich ohne Lenkeingriff für Tempo 193, Bahn zwei bietet durch ihre Neigung gefühlten Geradeauslauf bis Tempo 140 und die erste Bahn neben der innersten Notspur erlaubt Tempo 100 ohne Korrektur am Lenkrad. Diese gleichmäßige Bauweise mit perfekt eingehaltenem Radius und Neigung der Piste schließt einseitige Belastungen während der Fahrt nahezu aus.

Die Rennstrecke in Nardò aus der Vogelperspektive.

Und selbstverständlich sind auch höhere Geschwindigkeiten möglich, ohne dass mit vorschnellem Verschleiß des Reifenmaterials durch ungünstige Streckengegebenheiten gerechnet werden muss: nämlich bis zu 500 Stundenkilometer. Der Bau der Pista di Nardò in den 70er Jahren kann daher für den damaligen Zeitpunkt als absolut visionär und vorausschauend bezeichnet werden. Denn auch im Jahr 2012 eignet sich das Gelände noch immer bestens zum Testen heutiger und zukünftiger Fahrzeuge aller Leistungsklassen. Selbst der legendäre Rundkurs im kalifornischen Fontana, der Auto Club Speedway, kann da nach Expertenmeinung nicht mithalten.

Komplettiert wird die Kreisbahn durch ihre Nebenanlagen: Eine einzigartige Handling-Bahn, welche mit Hügeln und Senken das Fahrzeugmaterial zusätzlich fordert, gehört ebenso zum Nardò Technical Center wie eine Dynamikfläche, ein Kurs mit unterschiedlichen Belagarten, Staub- und Schotterpisten sowie eine Schallmessstrecke für unterschiedlichste Testanordnungen. Ergänzt werden diese Strecken durch die nötige Infrastruktur: Werkstätten für die Testteams, die sich auf dem Testgelände eingemietet haben, stehen auf dem insgesamt 700 Hektar großen Areal zur Verfügung.

Der Komplex in Nardò gehört nun zum Porsche-Konzern

Das 1975 von Fiat eingeweihte Areal wurde 1999 vom italienischen Staat an die Gesellschaft Prototipo Spa verkauft und von dieser bis 2012 verwaltet. Die Nutzung des Areals stand immer schon allen Herstellern offen. Seit Mai dieses Jahres gehört der Komplex in der Provinz Lecce nun zum Porsche-Konzern – ist jedoch ganz in der Tradition der über 80-jährigen Geschichte der Porsche-Kundenentwicklung weiterhin für alle Hersteller nutzbar.

Das Gelände rundet damit das eigene Angebot des Ingenieurdienstleisters aus der Porsche-Gruppe ab: Kunden, die auf die Entwicklerfähigkeiten der Ingenieure von Porsche Engineering per Computersimulation, auf Prüfstände und auf die Teststrecke in Weissach zurückgegriffen haben, können nun auch auf dem Testgelände in Nardò prüfen lassen, ob ihr Produkt härtesten, realen Belastungen standhalten kann. Vollgasfestigkeit über lange Distanzen, die Leistung von Bremssystemen, Zuverlässigkeit einzelner Komponenten im realen, integrierten Systemeinsatz, thermische Eigenschaften und vieles mehr können dank der idealen Bedingungen auf dem Nardò Proving Ground getestet werden. Die Gesamtfahrzeugkompetenz wird bei Porsche Engineering also kontinuierlich ausgebaut.

Nardò aus Sicht eines Porsche-Cockpits

Seit Juli 2012 stehen Anschlüsse mit verschiedenen Wechselströmen bis zu 125 Ampere zur Verfügung. So lassen sich im Rahmen des ganzheitlichen Testens von Elektrofahrzeugen herstellerspezifische Ladestationen betreiben. Dadurch werden nicht nur E-Mobility-Testläufe unter den extregung men klimatischen Bedingungen bei bis zu 40 Grad im Schatten möglich. Die vorhandenen Lademöglichkeiten, die auf Wunsch auch auf Gleichstromladung umgestellt werden können, erlauben auch Hochgeschwindigkeitsdauerläufe mit Elektrofahrzeugen, um harte, belegbare Daten aus der Praxis zu erhalten.

Die Vielfalt an Möglichkeiten auf und am Rundkurs in Nardò sind also schier unerschöpflich – zugunsten der Kunden von Porsche Engineering, die damit einen Dienstleister an ihrer Seite haben, der Entwicklung und Testing als Komplettpaket anbieten kann, und das wie gewohnt mit höchster Exzellenz in Know-how und praktischen Testmöglichkeiten.

Porsche Engineering plant die Möglichkeiten zu erweitern

Diese Möglichkeiten sollen in naher Zukunft noch ausgebaut werden: Belagsarbeiten sollen durchgeführt werden, die Dynamikfläche für das gefahrlose Testen von Extremmanövern könnte noch vergrößert werden und auch über einen Nass-Handlingbereich wird nachgedacht. Ziel ist es, den überlegenen Vorsprung der Pista di Nardò gegenüber anderen Teststrecken zu halten und weiter auszubauen.

Während die Testanlage der Pista di Nardò schon aus technischer Sicht ein echtes Schmankerl für die Automobilwelt darstellt, so bietet die Region auch abseits der Arbeit Spannendes: Das Umfeld der Pista lädt dazu ein, die regionalen Vorzüge Apuliens nach einem erfolgreichen Testtag zu erleben. Gerade mal drei Kilometer Luftlinie trennen das Testgelände vom Mittelmeer. Hotels stehen ausreichend und in unterschiedlichsten Kategorien zur Verfügung, ebenso lockt die berühmte süditalienische Küche.

Sehenswürdigkeiten gibt es zuhauf: Apulien ist traditionsreiches Kulturland. Ob Zeugnisse der „Magna Graecia“, der antiken griechischen Kolonien, ob Bauten aus der Zeit von Stauferkönig Friedrich II. oder Naturphänomene wie die „Gravine“, tief in das Kalkgestein der Murge eingeschnittene Täler – es gibt viel zu sehen. Dazu zählen auch die „Trulli“, die weiß gekalkten Rundbauten mit zipfelmützenartigen Runddächern aus Stein in und um Alberobello. Die Anreise und der Transport von Gütern in die Region Apulien erfolgt am bequemsten und schnellsten über den internationalen Flughafen Brindisi, der nur rund 65 Kilometer entfernt vom Testgelände liegt. Etwas weiter nördlich wird der internationale Flughafen von Bari von verschiedenen Airlines angeflogen.

Info

Text erstmals erschienen im Porsche Engineering Magazin, Nr. 1/2013

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