09.03.2015

Wenn Marilyn Monroe eine Maschine wäre...

Mark Webber fährt Porsche. Soweit, so bekannt. Doch genauso gerne schaut er sich einen Porsche nur an. Am liebsten natürlich, wenn es sein eigener ist.

Da steht er. Mitten in der Werkstatt des Porsche Museums. Er wirkt deutlich kleiner und zierlicher als auf Fotos. Doch das Gesicht wirkt vertraut wie eh und je. Sein Alter von mehreren Jahrzehnten sieht man ihm nicht an. Keine Spur. Frisch, fast jugendlich erstrahlt er mit einem satten Teint. Tiefblau.

Direkt neben diesem Porsche 356 steht Mark Webber. Der Rennfahrer. Der Globetrotter und Superstar. Doch wie er da so steht, entspannt in Turnschuhen, und wie er so auf diesen Porsche – seinen Porsche – blickt und zufrieden lächelt, da wirkt er wie ein einfacher Junge von Down Under. Ein Junge, der sich einen Traum erfüllt hat. 

Dieses Lächeln wird er auch während des gesamten Interviews nicht ablegen. Und wenn man ihn eine Weile dabei beobachtet, wie er dieses Auto ansieht, kann man sich die Frage nach dem „Warum?“ im Grunde auch sparen…

Mark Webber über den 356:
Schauen Sie ihn sich einfach an. Dieser Körper. Wundervoll! Wenn ich mir Marilyn Monroe als Maschine vorstelle, würde sie aussehen wie dieser 356. 

Muss man lange suchen für eine „Marilyn“? 
Zugegeben, es war nicht ganz einfach. Ich war nicht gezielt auf der Suche nach einem 356, sondern ganz generell suchte ich ein Auto mit einem zeitlosen Design. Da kommt nicht jedes Auto in Frage. Das Aussehen ist für mich ein sehr wichtiger Punkt. Das Design muss mir gefallen. Die ganze Form muss mich ansprechen. Und der 356 erfüllt genau diese Ansprüche.

Mark Webber blickt auf diesen Porsche – seinen Porsche 356 – und lächelt zufrieden. Da wirkt er wie ein einfacher Junge. Ein Junge, der sich einen Traum erfüllt hat. 

Das Auto ist in einem Eins-a-Zustand. Wo findet man so etwas? 
In Deutschland, in Bayern, um genau zu sein. Aber zunächst sah er nicht so aus wie jetzt. Um ehrlich zu sein, das Auto war in einem fürchterlichen Zustand. Doch nach ein paar intensiven Stunden beim Kosmetiker glänzt er heute so wie er vor uns steht und ist sicherlich eines der schönsten Exemplare weltweit. 

Das heißt, der Rennfahrer Mark Webber, der Mann, der beruflich die Funktionalität einer Maschine hin zum Maximum ausreizt, begeistert sich schlicht ob der Form für ein Auto?
Zumindest zu einem großen Teil. Ja. Absolut. Hinzu kommt bei mir aber auch eine grundsätzliche Begeisterung für die Ära dieser wunderschönen Frauen wie Marilyn. Ich liebe einfach dieses zeitlose Gefühl der 1950er-Jahre.

Was ist für Sie die reizvollste Stelle am 356?
Das ist definitiv das Armaturenbrett. Diese kleinen Rundinstrumente, das dünne, fast zierliche Lenkrad. Und es ist ein sehr einfaches Auto, alles sehr übersichtlich, sehr kompakt. Drei Anzeigen: Tacho, Drehzahl und Temperatur. Fahrer und Beifahrer sitzen direkt nebeneinander. Ein Blatt Papier passt dazwischen. Aber wirklich nicht mehr.

Mark Webber

Je länger sich Mark Webber seinen 356 betrachtet, desto mehr gerät er ins Schwärmen. Über jedes Detail, sei es die geteilte Windschutzscheibe, seien es die Rückleuchten, begeistert er sich. Das Dach ist längst aufgeklappt, der Blick liegt frei. Und freilich kommt nur kurze Zeit später der Moment, in dem er sich in sein Auto setzt. Die Türe mag nicht gleich beim ersten Versuch ins Schloss fallen, mit einem beherzten Ruck setzt Mark Webber ein zweites Mal an.

Ein mechanisches „Plong!“ Die Tür ist zu. Mark Webber ist zufrieden. „It’s a Porsche! What else?“ Und augenblicklich wird man beim Anblick dieses charismatischen, lässigen Lächelns an George Clooney erinnert. Und daran, wie verdammt alt dieser Clooney mittlerweile eigentlich ist … Immer wieder stiehlt sich Mark Webber mit seinem Blick davon und widmet sich der Schönheit seines Autos – wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal die Schönheit eines Mädchens wahrnimmt. Und man fragt sich, ob sich ein Rennfahrer ein Auto tatsächlich kauft, um es ausschließlich anzuschauen ...

Das Armaturenbrett ist das Reizvollste am 356. Diese kleinen Rundinstrumente, das dünne, fast zierliche Lenkrad. 

Nur gucken und anfassen? Sie wollen den Wagen nicht fahren?
Ein bisschen. Nicht sehr viel. Ich liebe es einfach, mir dieses Auto anzuschauen. Ich möchte ihn natürlich fahren und werde das sicher auch tun, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. 

Wie jetzt zum Beispiel? Mark Webber schaut fragend in Richtung eines Mechanikers. Der nickt kurz wohlwollend. Dann dreht Mark Webber am Zündschlüssel … keine Reaktion. Webber versucht es ein zweites Mal … wieder nichts. Der Mechaniker eilt herbei. Mark Webber steigt aus und stellt sich gelassen ein paar Meter neben sein Auto, während sich der Mechaniker „Marilyn“ widmet. „Das gehört bei einem solchen Auto dazu“, sagt er und lächelt entspannt. „Ein solches Auto braucht etwas mehr Zuneigung.“ Wir nutzen die Zeit und setzen das Interview fort ...

Was bedeutet die Porsche Familie für Sie?
Schon bevor ich hierher kam, wusste ich, es würde einzigartig werden. Aber um ehrlich zu sein, ahnte ich nicht, dass es so einzigartig ist. Die Art und Weise, wie ich hier aufgenommen und als Fahrer akzeptiert wurde, hat mich schwer beeindruckt. Ich bin nur einer der Fahrer, es mag da eine Zeit in der Formel 1 gegeben haben, schön und gut, aber am Ende des Tages bin ich ein Typ aus Australien, und warum sollten sie mich mehr akzeptieren als jemand anderen. Es war ein herrliches, ein herzliches Willkommen zu Beginn, niemand hat mich hier auf ein Podest gehoben oder Ähnliches, ich wurde einfach sehr gut aufgenommen. Das ist etwas, was hier in der Porsche Familie wirklich vorbildlich funktioniert.

Ist das schon typisch Porsche für Sie?
Das und das Gefühl, das Porsche über seine Vergangenheit vermittelt. Die Firmengeschichte ist dir zu jedem Zeitpunkt bewusst und du kannst den Mythos spüren, das, was hinter all dem liegt, was du da gerade auf der Straße bewegst. Genau das macht diese Marke so stark und auf eine gewisse Art auch romantisch.

„Die Art und Weise, wie ich hier aufgenommen und als Fahrer akzeptiert wurde, hat mich schwer beeindruckt.“

Ihr Arbeitsgerät, der 919 Hybrid, ist die innovative Speerspitze des Hauses. Sind Sie jemals einen der alten Rennwagen gefahren?
Kommt darauf an, was man unter alt versteht. Ich bin den 911 GT1 von 1998 gefahren. Aber wenn ich so über die wirklich alten Autos nachdenke, die ich schon gefahren bin, dann fällt mir hier spontan ein Lotus ein, ein Auto von Jochen Rindt. Das war das schlimmste Auto, das ich jemals gefahren bin. Furchtbar.

Was ist der größte Unterschied zu den alten Autos?
Eindeutig der Grip. Am wenigsten geändert hat sich die Power, die war auch früher schon da. Heute sind die Motoren freilich deutlich effizienter. Was sich ebenso deutlich weiterentwickelt hat, sind die verwendeten Materialien und die Methoden, mit denen wir sie verarbeiten und formen. Daraus ergeben sich dann wieder weitere Neuerungen und Möglichkeiten im Hinblick auf die Aerodynamik, so dass wir heute im Vergleich zu früher zwar nicht unbedingt mehr Power haben, aber wir können sehr viel später und heftiger bremsen, wir schalten dank der automatischen Getriebe sehr viel schneller und fahren erheblich schneller durch die Kurve.

Sprechen wir über Le Mans. Was erwarten Sie nach einer solchen Performance jetzt für das kommende Jahr?
Ich denke, wir können stolz auf unsere Performance sein. Das ist es auch, was ich dem Team gleich nach dem Rennen gesagt habe. Das ist es auch, was wir dieses Jahr aus Le Mans mitnehmen. Jetzt wollen wir auch im Jahr 2015 nach 22 Stunden das Rennen wieder anführen, doch das bedeutet wieder sehr viel Arbeit. Niemand soll jetzt glauben, nur weil wir dieses Jahr geführt haben, schaffen wir das auch im kommenden Jahr. Das ist nicht meine Mentalität und auch nicht die Mentalität von Porsche. Wir müssen weiter hart arbeiten, wir respektieren unsere Konkurrenz, aber wir wollen im kommenden Jahr unsere Performance wiederholen und das Auto dann auch nach Hause bringen.

Ist der Druck jetzt höher?
Mit dem Erfolg kommt die Erwartung. Aber das ist nicht nur im Sport so, sondern gilt für jedes Geschäft. Wenn du gut in etwas bist, steigen die Erwartungen und damit auch der Druck. Porsche will in Le Mans gute Leistungen abliefern, daran bestand nie ein Zweifel. Und das bedeutet, dass Porsche in Le Mans gewinnen will. So einfach ist das.

Rein emotional betrachtet, was ist der Unterschied für Sie, wenn Sie am Steuer eines Porsche für die Straße oder am Steuer des 919 Hybrid sitzen?
Das ist im Grunde nicht vergleichbar. Das Fahren im 919 Hybrid bedeutet deutlich mehr Drama als das Fahren in einem Straßenauto. Alles ist viel schneller, viel direkter. Emotional betrachtet ist es eben mein Job. Die Konzentration liegt darauf, diesen Job gut zu machen. Beim Fahren auf der Straße steht das Genießen im Vorder…

… und plötzlich durchbricht ein Gasstoß die gelassene Umtriebigkeit der Werkstatt im Museum. „Marilyn“ ist erwacht. Sie faucht ein paar kurze Spitzen, dann grummelt sie zufrieden vor sich hin und hat sogleich die volle Aufmerksamkeit von Mark Webber. Er steigt umgehend ein, dann winkt er uns heran. „Fahren wir los!“

Info

Text erstmalig erschienen in „rampclassics", Ausgabe 4

Interview: Matthias Mederer // Fotos: Marc and David

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