09.09.2016

6:11,13 Minuten

Die Offiziellen wollten der Messtechnik nicht glauben, als der Porsche 956 über die Ziellinie flog. Doch der junge Stefan Bellof hatte eine Bestzeit für die Ewigkeit in den Asphalt gefahren.

Als Stefan Bellof im Spätwinter 1982 im Alter von 24 Jahren zu Porsche kommt, ist die Freude darüber bedingt grenzenlos: Zu jung, zu forsch, zu frech, zu unerfahren lauten die Vorbehalte gegen den Mann aus Gießen. Vielleicht liegt es auch daran, dass er irgendwie zu sympathisch für einen Rennfahrer wirkt – und zu laut lacht. Aber die meisten Menschen, die Bellof trifft, glauben an sein überdurchschnittliches, unbekümmertes, ungestümes Talent. Tatsächlich übertrifft er sämtliche Erwartungen: Hier kommt einer, der es allen zeigen will. Und wie.

Nürburgring 1983, Ende Mai. In der Eifel herrscht lausig kaltes Wetter, aber wenigstens ist es trocken. Porsche startet erstmals in einem 956 (Chassis-Nr. 007) mit 13 Zoll breiten Felgen an der Vorderachse. Mehr Sturz und geänderte Lenkhebel sorgen für besseres Einlenkverhalten. Was Bellof damit im Zeittraining zum 1000-Kilometer-Rennen aufführt, sprengt bis dahin jede Vorstellungskraft: 6:11,13 Minuten über eine wegen Bauarbeiten leicht verkürzte Ring-Distanz von 20,835 Kilometern – diese Fabelzeit sorgt noch heute, nach mehr als drei Jahrzehnten, für fassungsloses Kopfschütteln und dient als Parabel für die rasiermesserscharfe Balance zwischen Genialität und Übermut.

Bellof nimmt Keke Rosberg eine halbe Minute ab

Der frühere Formel-1-Pilot Jochen Mass ist fünf Sekunden langsamer, dem amtierenden Formel-1-Weltmeister Keke Rosberg nimmt Bellof eine halbe Minute ab. „Als die Zeit auf meinem Monitor erschien“, erinnert sich der damalige Streckensprecher und Bellof-Manager Rainer Braun, „bin ich sofort in die Zeitnahme: Stimmt das? Oder habt ihr einen Fehler drin?“ Kein Irrtum. Unmöglich. Alles echt. Und wahr.

„Stefan hat eine Schallmauer durchbrochen, das war das Epochale an dieser Runde“, sagt der damalige Porsche-Chefingenieur Norbert Singer. Bellof ist der Erste, dem auf einer der schönsten und schwierigsten Rennstrecken der Welt eine Runde mit einem Schnitt von mehr als 200 Kilometern pro Stunde gelingt. „Ich hätte noch schneller fahren können“, sagt er, als habe er gerade Brötchen beim Bäcker gekauft, „aber ich hatte zwei Fehler drin. Außerdem stand mir ein 911 kurz im Weg.“

Die 6:11,13 Minuten sind Legende. Ebenso wie das 1000-Kilometer-Rennen auf der Nordschleife. 1983 ist es dort das letzte große Event; die neue Grand-Prix-Strecke am Rande der „grünen Hölle“ ist jetzt der Schauplatz Nürburgring. Bellof wird 1984 mit Porsche Sportwagenweltmeister. 1985 stirbt er bei einem Rennunfall im belgischen Spa.

Rennfahrer Stefan Bellof

Info

Text erstmalig erschienen im Porsche-Kundenmagazin Christophorus, Nr. 377

Text: Gregor Messer // Foto: Ferdi Kräling

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