Porsche 944: historisch wertvoll

Die letzten Porsche 944 S2 und 944 Turbo werden 30 Jahre alt. Zeit für das H-Kennzeichen und ein Wertgutachten. Wie es funktioniert und weshalb beides sinnvoll ist, zeigt diese Geschichte.

Der in Cobaltblaumetallic lackierte 944 S2 dieser Story wurde am 15. Januar 1991 als neuer Werkswagen auf die Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG zugelassen. An Bord: nahezu Vollausstattung inklusive Sportfahrwerk (M 030), Hubdach, Klimaanlage und Autotelefon. 150.000 Kilometer später – viele 944 waren Geschäftswagen für die Langstrecke – zeigte der Kalender den 15. Januar 2021 an. 30 Jahre waren vergangen. Der Ex-Werks- und -Geschäftswagen hatte sich in einen Oldtimer verwandelt und damit den historischen Ritterschlag des H-Kennzeichens verdient. An diesem Punkt stellte sich dem Besitzer erstmals die Frage, wie wertvoll im monetären Sinn das automobile Kulturgut überhaupt ist.

Die Antwort auf diese Frage war längst überfällig! Und zwar nicht, um aus dem Wagen Kapital zu schlagen. Vielmehr war der Porsche 944 S2 seit einer behutsamen Teilrestaurierung vor drei Jahren schlichtweg unterversichert. Wer die Frage nach dem Fahrzeugwert erst nach einem Unfall per Gutachten klären lässt, hat mitunter schlechte Karten. Denn Versicherungen zahlen so wenig wie möglich, respektive nur das, was nötig ist. Ein amtliches Wertgutachten ist deshalb von großer Bedeutung, auch wenn es nicht alle Probleme der Wertermittlung löst, wie sich am Ende dieser Geschichte zeigen wird. Und klar: Natürlich ist es auch gut zu wissen, was ein Klassiker beim Wiederverkauf wert sein könnte.

Reiner Drescher, 944 S2, 2021, Porsche AG

Fakt ist: Ohne Wertgutachten geht es bei Young- und Oldtimern, in die bereits viel Geld investiert wurde und die dadurch aus der Masse herausragen, nicht. Vor diesem Hintergrund fiel die Entscheidung, für den 944 S2 gleich drei Gutachten auf einmal erstellen zu lassen: ein Oldtimer-Bewertungsgutachten sowie die Begutachtung gemäß § 23 StVZO zur Erteilung des H-Kennzeichens in Verbindung mit der Hauptuntersuchung. Denn die HU ist mittlerweile im Rahmen der Erteilung eines H-Kennzeichens vorgeschrieben. Ergibt ja auch Sinn, denn nur ein technisch einwandfreies Fahrzeug sollte das Prädikat Historisch erhalten.

Porsche Klassik entschied sich, die drei Untersuchungen in einem Rutsch bei der Dekra in Auftrag zu geben. Und so übergab der Besitzer des 944 S2 seinen Wagen, den Schlüssel und alle Fahrzeugpapiere sowie einen dicken Ordner mit Wartungs- und Restaurierungsrechnungen den Dekra-Experten Reiner Drescher und Dirk Machau. Beide arbeiten für die Dekra-Niederlassung im niedersächsischen Oldenburg, in dessen Großraum der Transaxle-Porsche zu Hause ist.

Zuerst startete Reiner Drescher durch, um ein Oldtimer-Bewertungsgutachten zu erstellen. Drescher: »Dieses Gutachten geht weiter als ein normaler Bewertungsbericht, da alle Bauteilgruppen eines Pkw intensiv betrachtet, beschrieben und benotet werden.« Der Preis für diese aufwendige Art der Begutachtung richtet sich nach dem Wert des Fahrzeugs. Der 944 S2, so viel sei an dieser Stelle schon verraten, wird später in die Kategorie der Fahrzeuge von über 25.000 bis 100.000 Euro fallen, in der dieses Gutachten zu einem Preis ab 460 Euro erhältlich ist (ein einfacher Bewertungsbericht für Fahrzeuge mit einem Wert bis 50.000 Euro ist ab 210 Euro zu haben). Reiner Drescher umkreiste den Wagen und begann, sich von außen nach innen bis zur Technik vorzuarbeiten. Das machte er in diesem Fall noch zielgerichteter als sonst, da er – Zufall – privat selbst lange einen Porsche 944 besaß.

Geprüft wurden von der Dekra im Exterieur die Karosserie selbst, die Bodengruppe, die Lackierung, die Zierteile, das Verdeck (in diesem Fall das herausnehmbare Hubdach), die Verglasung, die Beleuchtung, die Reifen und die Felgen. Im Interieur nahm der Gutachter das Armaturenbrett plus Lenkrad, die Instrumente, die Funktion der Ausstattung, die Sonderausstattung, den Dachhimmel, die Verkleidungen, die Sitze und die Bodenbeläge genau unter die Lupe. Diese Checkliste sollte sich jeder vor Augen halten, der ein Gutachten anfertigen lässt. Denn: Sind hier größere Mängel vorhanden, sinken der Fahrzeugwert und die Chancen, später das H-Kennzeichen zu erhalten. Gleiches gilt für die weiteren Prüfpunkte. Dazu gehören im Bereich der Technik die Elektrik, der Motor, die Motoranbauteile, die Abgasanlage und das Getriebe. Gecheckt werden zudem die Vorder- und die Hinterachse. 

Reiner Drescher, 944 S2, 2021, Porsche AG

Am Ende ermittelte der Sachverständige einen Wiederherstellungswert von 37.500 Euro. O-Ton der Dekra: „Der Wiederherstellungswert ergibt sich aus den Kosten, die für den Wiederaufbau eines beschädigten Objektes erforderlich sind. Diese setzen sich zusammen aus Kosten, die anfallen, um ein möglichst ähnliches gebrauchtes Fahrzeug zu beschaffen, und den Kosten, die anfallen, um das Fahrzeug auf den Stand des zu bewertenden Objektes umzurüsten bzw. zu restaurieren.“ 

Und genau da liegt ein genereller Knackpunkt aller Gutachten. Denn der Wiederbeschaffungswert – der Betrag, zu dem ein gleichartiges und gleichwertiges Fahrzeug bei einem Fachhändler (respektive von privat) theoretisch erworben werden kann – liegt meist unter dem Wiederherstellungswert. Der Grund: Hier wird das Preisgefüge durch alle jene günstigen Fahrzeuge beeinflusst, die weit entfernt vom Zustand eines 2er-Fahrzeugs (Prüfnote) wie dem hier gezeigten Wagen sind. Die Versicherungen richten sich aber oft nach dem Wiederbeschaffungswert. Allerdings ist auch der deutlich höher als der reine Zeitwert eines gewöhnlichen Gebrauchten. Deshalb gilt: Ein Gutachten ist unbedingt empfehlenswert.

Reiner Drescher, 944 S2, 2021, Porsche AG

Die Hauptuntersuchung und die Begutachtung gemäß § 23 StVZO gingen dann sehr schnell, wenn auch ebenso gründlich über die Bühne – quasi mit dem Rückenwind des Wertgutachtens. Dekra-Prüfingenieur Dirk Machau attestierte, dass der Zustand aller Hauptbaugruppen des 944 S2 die Voraussetzungen zur Erteilung des H-Kennzeichens erfüllt. „Zugehörige Abweichungen vom Originalzustand: keine.“ Das H-Kennzeichen selbst bringt nur wenige finanzielle Vorteile. Die Kfz-Steuer sinkt auf 191 Euro. Die freie Fahrt in Umweltzonen wiegt da schon höher; doch G-Kat-Benziner wie dieser Porsche haben aktuell ohnehin nichts zu befürchten. Das H dokumentiert vielmehr auch nach außen, dass hier ein historisch wertvolles Fahrzeug im Originalzustand unterwegs ist. Käufer wissen zudem, dass ein echter Oldtimer aufwendig von Sachverständigen überprüft wurde. Das schafft eine gewisse Sicherheit. Insofern müssen sich Käufer eher Gedanken machen, wenn ein Porsche-Klassiker, der das H-Kennzeichen bekommen könnte, keines hat. Und deshalb ist das H durchaus eine Art Gütesiegel.

Epilog

1991, das ist das Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung. Bedingt durch die Wende kam es zu einem Boom der Neuwagenzulassungen: Mit 4,2 Millionen waren es 1,2 Millionen mehr als noch 1990. Obwohl es deshalb 2021 aufgrund der damals gestiegenen Zahl an Gesamtzulassungen mehr »neue« Oldtimer als zuvor gibt, ist deren Anteil am Pkw-Bestand überschaubar. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) weist für den 1. Januar 2021 einen Gesamtbestand von mehr als 48 Millionen Pkw aus. 138.967 Fahrzeuge davon wurden erstmals 1991 zugelassen. Zudem gibt es einen Bestand von 985.262 Oldtimern, die ab 1990 und davor zugelassen wurden. Und da wird es spannend, weil so ermittelt werden kann, wie viele Autos es prozentual überhaupt schaffen, 30 Jahre alt zu werden: Sobald man die Gesamtzahl der Fahrzeuge mit Erstzulassung ab 1990 und davor vom aktuellen Gesamtbestand abzieht, ergibt sich ein Wert von 47.263.322 Exemplaren mit einem Alter von 0 bis 30 Jahren. Das bedeutet: Nur 0,29 Prozent davon gelingt es derzeit, in Deutschland 30 Jahre alt zu werden. Alle anderen werden verschrottet oder ins Ausland verkauft. Der homöopathische Rest hat es verdient, die Chance auf ein H-Kennzeichen zu erhalten.

Info

Text erstmalig erschienen im Magazin Porsche Klassik 20.

Autor: Thomas Fuths            

Fotograf: Stephan Lindloff

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