14.11.2016

Porsche kämpft in der Wüste um den Fahrertitel

Nach dem Weltmeistermeistertitel für Hersteller will Porsche mit dem 919 Hybrid am 19. November beim Finale der FIA Langstrecken-Weltmeisterschaft 2016 in Bahrain auch noch die Fahrer-WM holen.

Die diesjährigen Le-Mans-Sieger Romain Dumas (FR), Neel Jani (CH) und Marc Lieb (DE) treten mit 17 Punkten Vorsprung auf den bestplatzierten Toyota an. Den Porsche-Piloten würde ein fünfter Platz mit dem 919 Hybrid zum WM-Titel reichen, selbst wenn der Toyota gewinnt und obendrein den Punkt für die Poleposition holt. Zuverlässig und fehlerfrei durch das Sechsstundenrennen zu kommen, ist die abso-lute Grundvoraussetzung.

Während das Trio mit der Startnummer 2 um die WM-Entscheidung fährt, steht auch der Crew des Schwesterautos mit der Startnummer 1 auf jeden Fall ein emotionales Wochenende ins Haus: Es wird der letzte gemeinsame Einsatz von Timo Bernhard (DE) und Brendon Hartley (NZ) mit Mark Webber. Der Australier beendet seine Pro-fikarriere und wird zukünftig nicht mehr als Fahrer, sondern in seiner neuen Rolle als Porsche-Repräsentant dabei sein. Als amtierende Weltmeister haben die drei in diesem Jahr bislang vier Rennsiege erzielt. Weil sie zu Saisonanfang und in Le Mans Pech hatten, liegen sie derzeit dennoch nur auf dem vierten Tabellenplatz.

Der abkühlende Asphalt ist dem Porsche Team willkommen

Auf der 5,412 Kilometer langen Formel-1-Rennstrecke in Sakhir fährt das Feld der WEC nach den Rennen in Le Mans und Austin zum dritten Mal in diesem Jahr in die Dunkelheit. Das Sechsstundenrennen wird um 16:00 Uhr Ortszeit gestartet. Das ist eine Stunde später als im Vorjahr und bedeutet, dass die Fahrer praktisch von Anfang an gegen die Blendung durch die tief stehende Sonne kämpfen. Um 16:45 Uhr wird sie hinter dem Horizont verschwinden. Der danach abkühlende Asphalt ist dem Porsche Team willkommen, denn bei Hitze ist die Konkurrenz im Vorteil. Der Streckenbelag in Bahrain ist wenig griffig, weil ständig feiner Wüstensand auf den Kurs weht.

„Sechs Siege in acht Rennen und der vorzeitige Gewinn des Hersteller-Titels sind eine fantastische Zwischenbilanz“, sagt Fritz Enzinger, Leiter LMP1. „Ich bin unheimlich stolz auf unsere gesamte Mannschaft. Da hat wirklich jeder alles gegeben, und das hat sich ausgezahlt. Jetzt werden wir noch einmal alle Kräfte mobilisieren, um auch die Fahrerkrone erneut zu holen. Das wird nicht einfach, garantiert spannend – und hoffentlich nicht so eine Zitterpartie wie 2015. Daran, dass dieses Rennen auch die Abschiedsvorstellung für Mark und für unseren geschätzten Wettbewerber Audi bedeutet, mag ich erst hinterher denken

Teamchef Andreas Seidl ergänzt: „Die Strecke und die zu erwartenden hohen Temperaturen kommen unserem 919 Hybrid weniger entgegen als der Kurs von Shanghai, wo wir klar das schnellste Auto hatten. Umso wichtiger ist eine starke Teamleistung für die optimale Vorbereitung und Fahrzeugabstimmung, anhaltende technische Zuverlässigkeit, weiterhin schnelle Boxenstopps und richtige Strategieentscheidungen. Natürlich wollen wir die Saison am liebsten mit einem Sieg und gleichzeitig dem Fahrertitel abschließen. Dafür werden wir alle bis zur letzten Runde kämpfen.“

Zahlen und Fakten
  • 2015 beschloss Porsche die Saison beim Finale in Bahrain mit dem sechs-ten Gesamtsieg in Folge und dem Gewinn des Fahrertitels. Bern-hard/Hartley/Webber reichte Platz fünf zur Fahrer-Weltmeisterschaft. Du-mas/Jani/Lieb holten sich ihren lang ersehnten ersten Saisonsieg.  

  • Das Rennen war ein Krimi: Bernhard/Hartley/Webber waren mit 13 Punkten Vorsprung auf das schnellste Audi-Trio von der Poleposition gestartet. Doch bereits nach einer halben Stunde mussten sie zu einem Reparaturstopp in die Box, später noch ein zweites Mal. Das Trio holte vom letzten auf den fünften Platz auf. An ihrem 919 waren nacheinander beide Drosselwalzenhebel gebrochen. Sie wurden notdürftig durch den Einbau von zwei Zangen mit Kabelbinder auf Vollgas arretiert. Der 1000-PS-Prototyp war nur noch dank immenser Ingenieurleistungen und grandioser Fahrersensibilität zu manövrieren. In der Boxengasse konnte er nur noch elektrisch fahren. Aus eigener Kraft hätte das Trio den erforderlichen vierten Platz für den Titel nicht mehr erringen können. Es war das Schwesterauto mit Marc Lieb am Steuer, das dem schnellen Audi in Bahrain die Führung und damit die entscheidenden Punkte abjagte.

  • Die Qualifikation hatten Bernhard/Hartley und Dumas/Lieb bestritten. Bei Dunkelheit und leicht gefallenen Temperaturen stellte Bernhard mit einer Runde in 1.39,670 Minuten auf dem 5,412 Kilometer langen Formel-1-Kurs einen neuen Rekord für Prototypen auf. Die Durchschnittszeit von Bernhard/Hartley auf der Poleposition war 1.39,736 Minuten. Dumas/Lieb belegten Startplatz zwei mit einem Mittel von 1.40,100 Minuten.

  • In der gesamten Saison 2015 hatte es kein anderes Auto als ein 919 in die erste Startreihe geschafft.

  • Das Effizienzreglement der WEC begrenzt die Energiemenge, die der 919 pro Runde einsetzen darf. In Bahrain sind es 4,92 Megajoule elektrische Energie aus den Rückgewinnungssystemen und 1,385 Kilogramm/1,896 Liter Benzin.

  • Bei normalem Rennbetrieb (ohne Safety-Car-Phase) muss der Porsche 919 Hybrid spätestens alle 32 Runden tanken.

  • Betankung und Reifenwechsel dürfen nur nacheinander durchgeführt werden. Beim Radwechsel dürfen nur vier Mechaniker gleichzeitig arbeiten, und es darf auch nur ein Schlagschrauber zur Zeit eingesetzt werden. Der Boxenstopp dauert also viel länger als etwa in der Formel 1.

  • Ein Fahrerwechsel wird normalerweise nur vorgenommen, wenn auch neue Reifen gebraucht werden.

  • Ein Satz Michelin-Trockenreifen sollte idealerweise zwei Tankfüllungen hal-ten, häufig ist es zugunsten der Rundenzeiten aber auch sinnvoll, bei jedem Tankstopp die Reifen zu wechseln.

  • Die Reifenauswahl umfasst drei unterschiedlich harte Mischungen Slicks für trockene Strecke, einen ebenfalls profillosen Hybrid-Reifen mit weicherer Lauffläche für gemischte Bedingungen sowie Regenreifen. Es stehen 6,5 Sätze Trockenreifen pro Fahrzeug für Qualifying und Rennen zur Verfügung.

  • Eine Runde auf der Formel-1-Variante des Bahrain International Circuit ist 5,412 Kilometer lang, sie hat acht Rechts- und sechs Linkskurven. Die längste Gerade führt über Start-und-Ziel und misst 1,090 Kilometer.

  • Die 2004 fertiggestellte Strecke liegt rund 30 Kilometer außerhalb von Bahrains Hauptstadt Manama. Zum Königreich gehören über 30 Inseln im Persischen Golf. Die Fläche beträgt rund 750 Quadratkilometer; Bahrain hat knapp 1,2 Millionen Einwohner.

Stimmen vor dem Rennen

Fahrer Porsche 919 Hybrid Startnummer 1
Timo Bernhard (35, Bruchmühlbach-Miesau):
„Als Abschluss der Saison und letztes Rennen für meinen Teamkollegen Mark wird das Wochenende auf jeden Fall sehr emotional. Wir werden alles geben, damit Mark zum Abschied das bestmögliche Resultat mitnimmt. Am liebsten möchten wir die Saison natürlich mit einem Sieg beenden. Es war in diesem Jahr nicht immer einfach für uns, aber es hat sich ausgezahlt, dass wir motiviert geblieben sind und stets nach vorne geschaut haben. Hohe Temperaturen und Sand auf der Strecke machen Bahrain zu einem schwierigen Terrain, da müssen wir alle Parameter richtig einschätzen.“

Brendon Hartley (27, Neuseeland): „Einerseits freue ich mich auf Bahrain, andererseits stimmt mich die Aussicht darauf traurig, weil es unser letztes Rennwochenende mit Mark wird. Wir Drei sind zwar raus aus dem Titelkampf in der Fahrer-WM, aber wir wollen alles dafür tun, damit Mark seine Karriere mit einem Highlight beendet, und natürlich werden wir auch unser Schwesterauto unterstützen.“

Mark Webber (40, Australien): „Bahrain wird natürlich kein normaler Einsatz für mich. Es wird sehr emotional. Dort anzukommen und zu wissen, dass ich das letzte Mal ernsthaft Rennen fahre, wird ein großer Moment für mich. Es kommen sehr viele Freunde aus der ganzen Welt, vor allem aus Australien und Europa, um mich zum letzten Mal fahren zu sehen. Natürlich würde ich meine Profilaufbahn gerne mit einem Sieg beenden, aber ganz unabhängig vom Ergebnis wünsche ich mir einfach ein gutes Rennen, um dann entspannt auf eine lange Karriere zurückblicken zu können, auf die ich sehr stolz bin. Ich habe mir schon ein paar Mal ausgemalt, wie es sich wohl anfühlt, wenn ich aus dem Auto steige. Helm ab, Balaclava runter, Ohrstöpsel raus – alles geschieht zum letzten Mal. Das wird etwas Besonderes. Aber ich freue mich auch darauf, all das in Zukunft nicht mehr tun zu müssen.“

Fahrer Porsche 919 Hybrid Startnummer 2
Romain Dumas (38, Frankreich): „Das Rennen in Bahrain wird ein großer Tag – in etwa so wie Le Mans, weil es bei diesem letzten Rennen um so viel geht. Es ist hundertprozentige Konzentration gefordert, wir dürfen keine Fehler machen. Wir müssen diesen Weltmeistertitel holen.“

Neel Jani (32, Schweiz): „Ein Saisonabschluss ist immer speziell, und in diesem Jahr ist er für uns etwas ganz Besonderes. Es geht für uns nur um eines: die Meisterschaft. Unsere Ausgangslage ist gut. Beim zurückliegenden Rennen in Shanghai war unser Tempo zu Anfang sehr gut, wir waren praktisch auf Titelkurs, sind dann aber zurückgefallen. Das haben wir analysiert und den Grund gefunden. Insofern bin ich sehr positiv gestimmt vor dem Finale. Nach dem Herstellertitel auch noch die Fahrer-Weltmeisterschaft zu besiegeln, wäre natürlich eine riesige Freude.“

Marc Lieb (36, Ludwigsburg): „Ein Finale mit offener Titelentscheidung ist für alle extrem aufregend, und darauf freue ich mich. Ein fünfter Platz würde uns zum Gewinn der Fahrer-WM reichen. Wir hatten bisher ein sehr zuverlässiges Auto und hoffen, dass dies so bleibt. Und wir wollen im Finale unbedingt noch einmal zeigen, dass wir es besser machen kön-nen als in den zurückliegenden Rennen.“

Am Tag nach dem Finale finden am Sonntag in Bahrain noch Testfahrten statt. Dabei erhält auch der US-Amerikaner Gustavo Menezes als „Rookie“ Gelegenheit, mit dem Porsche 919 Hybrid zu fahren. Der 22-Jährige hat sich in Shanghai bereits den Titel in der FIA Endurance Trophy für LMP2-Fahrer gesichert.

Porsche 919 Hybrid

Der in Weissach entwickelte Porsche 919 Hybrid bringt es auf eine Systemleistung von gut 662 kW (900 PS). Sein Verbrennungsmotor ist ein wegweisendes Downsizing-Triebwerk: Als kompakter Zweiliter-Vierzylinder treibt der aufgeladene Benziner die Hinterachse mit knapp 368 kW (500 PS) an. Zwei unterschiedliche Energierückgewinnungssysteme – Bremsenergie von der Vorderachse und Abgasenergie – speisen über eine Lithium-Ionen-Batterie einen Elektromotor, der auf Abruf die Vorderachse mit zusätzlich über 294 kW (400 PS) antreibt.

WEC: Eurosport-Live-Berichterstattung

Das Sechsstundenrennen auf dem Bahrain International Circuit ist der neunte und letzte Lauf zur FIA WEC 2016. Der Start des Sechsstundenrennens erfolgt um 16:00 Uhr (14:00 in Deutschland).

Eine kostenlose und englisch kommentierte Live-Übertragung des gesamten Rennens bietet der Sender Eurosport auf seiner Website

Der in Deutschland frei empfangbare TV-Sender Eurosport 1 überträgt die zweite Rennhälfte und die Siegerehrung live (17:00-20:10 Uhr).

Die offizielle FIA WEC App ist in der Basis kostenlos und bietet gegen Gebühr ebenfalls einen Live-Stream des kompletten Rennens. Live-Features wie Onboard-Kameras, Zeitnahme und GPS-Verfolgung sind außerdem in der kostenlosen Porsche Motorsport App sowie auf porsche.com/fiawec integriert.

Alle Punktestände: http://www.fiawec.com/courses/classification.html

Alle Ergebnisse: http://fiawec.alkamelsystems.com

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