16.01.2018

Ton getroffen

Porsche macht das Leben nicht nur schnell, sondern auch bunt – kaum ein anderer Autohersteller hat mehr Mut zur Farbe bewiesen. Mit seinem Talent als Chamäleon hat der 911 auch andere Modelle angesteckt.

Bringen wir es auf den Punkt: Der 911 kann einfach alles tragen. Unschuldiges Weiß ebenso wie arriviertes Schwarz oder quietschiges Gelb. Freches Orange ebenso wie sattes Grün, schreiendes Rot und gediegenes Blau. Selbst Kaffeebraun steht ihm – das Sportwagen-Modell ist ein perfektes Model, wie geschaffen für den automobilen Laufsteg. Nie wirkt er peinlich, nichts scheint unangemessen. Besonders mutige Farben dienen allenfalls als Statement, das freilich immer im Einklang mit dem Selbstbewusstsein des Fahrers stehen sollte. Oft sind es genau jene Lackierungen, die ursprünglich am engagiertesten diskutiert wurden, die später den gewissen Reiz ausüben und von Sammlern besonders begehrt werden. Deshalb: Wer einen bunten Solitär wie auf diesen Seiten entdeckt, dem kann nur eines geraten werden: kaufen!

Jede Zeit und jede Generation hat ihre Farben. Kaum ein anderes Automobil spiegelt dies so nachhaltig wider wie der Neunelfer. Diesbezüglich ist er klar ein Trendsetter. Einem Erstgeborenen gleich hat er sich jene Rechte und Freiheiten auf unkonventionelle Lackierungen erkämpft, die anschließend auch seine jüngeren Geschwistermodelle wie der 944 und 928 ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen.

Prototyp des Elfers war schlicht weiß

Vor dem 911 schien alles grau gewesen zu sein. Wer heute an die 50er und frühen 60er Jahre denkt, sieht vor seinem geistigen Auge Filme und Fernsehen, Bilder und Zeitungen in Schwarz-Weiß vorbeiflimmern. Natürlich spielt uns die Erinnerung da einen Streich, weil sie keinesfalls unbestechlich ist, sondern das Geschehen einfärbt – oder das Gegenteil. Fest steht jedenfalls: Als am 25. August 1967 um 10.57 Uhr das deutsche Farbfernsehen nur kurz nach der Sportwagen-Ikone seinen Siegeszug startete, da pfeilte der Elfer erst seit zwei Jahren als frischer Klecks durch Stadt und Land. Zeit, ihn in Schwarz-Weiß zu verewigen, blieb also kaum. Will heißen: Erinnerungen an den klassischsten Porsche aller Zeiten sind fast ausschließlich bunt.

Und wie! Schiefergrau, Rubinrot, Himmelblau, Hellelfenbein, Champagnergelb, Irischgrün und Signalrot – neben sieben Standardfarben standen bereits bei Modelleinführung mit Delphingrau, Togobraun, Baliblau und Schwarz vier Sonderlackierungen zur Wahl. Der erste Prototyp des Elfers, der 901/01 aus dem Jahr 1962, war übrigens schlicht weiß. 1966 umfasste das Farbspektrum bereits 30 Sonderfarben, darunter mit Dunkelrotmetallic, Blaumetallic, Silbermetallic und Dunkelgrünmetallic erstmals auch vier Metallic-Lacke.

Neue Farbenfrohheit auf den Straßen

Die neue Farbenfrohheit auf den Straßen löste sogar gesellschaftliche Diskussionen aus. Englands Polizei plädierte öffentlich dafür, dass alle Fahrzeuge weiß sein sollten. »Auto, Motor und Sport« regte an, für schnelle Wagen Signalfarben wie Gelb, Rot und Orange vorzuschreiben. Schwarz und insbesondere Grau hingegen galten plötzlich als unsicher. Ein solcherart lackiertes Mobil, sorgte sich das britische Fachmagazin „Automobile Engineer“, entwickle sich „leicht zur getarnten Waffe“.

Das Farbspektrum von Porsche beherrschte immer auch die leisen Töne

Glücklicherweise blieb die Autowelt von gesetzlicher Gleichmacherei verschont. Noch in den 60er Jahren gaben so mutige und kraftvolle Farben wie Canariengelb, Blutorange, Irischgrün, das helle Pastellblau und das dunkle Albertblau den Beat vor, als wollten auch die Designer von Porsche dem Schlachtruf der aufmüpfigen Studentenbewegung folgen und den „Muff von tausend Jahren“ von den Straßen jagen. Andersherum ging es aber auch: Gedecktere Töne wie Bahamagelb, das vollmilchschokoladige Sepiabraun und das elegante Hellelfenbein kehrten die zierliche Seite des Ur-Elfers hervor.

Das Kaleidoskop der Porsche-Farben

Der Revolte an den Universitäten folgten die psychedelischen End-60er und 70er. Rockmusiker gingen in endlosen Instrumentalstücken verloren, die Welt staunte über das enthemmte Woodstock, über wallende Batikgewänder und bunte Lebensformen in selbst angemalten VW Bullis. Auch das Kaleidoskop der Porsche-Farben entwickelte sich weiter. Nochmals lautere Töne wie das besonders froschige Vipergrün setzten unübersehbare Akzente, das leisere Geminiblaumetallic reichte an Flieder heran. Zugleich entstanden Klassiker wie das charismatische, aus dem Rennsport abgeleitete Gulfblau – Kolorierungen, die in der Modellpalette der Sportwagenmarke immer wieder eine besondere Rolle spielten. Parallel entwickelte sich ein ganz neuer Trend, geprägt hat ihn 1972 der epochale Carrera RS 2.7. Der legendäre Leichtbau-Elfer rollte zwar bevorzugt in Grand-Prix-Weiß vom Hof, das Besondere waren neben seinem „Entenbürzel“-Heckspoiler jedoch die „Carrera“-Schriftzüge entlang der Fahrzeugflanke – erhältlich in Blau, Rot, Grün und Schwarz sowie farblich abgestimmt auf die entsprechend lackierten Felgensterne.

Nach dem Modellwechsel vom F- zum G-Modell beruhigte sich das Farbangebot ab 1975 wieder etwas. Dunklere, bravere Töne rückten vermehrt in den Mittelpunkt, schrille Gummibärchen-Lackierungen fanden zunehmend weniger Gegenliebe. Understatement und der vorsichtige Blick auf den Wiederverkauf lösten den extrovertierten Auftritt ab, zumal das Farbspektrum des 911 nun auch dem vierzylindrigen 924 und dem großen Gran-Turismo-Modell 928 stehen musste. Doch Geschmack ist ein flüchtiges Gut – der nächste Paradigmenwechsel schwappte Mitte der 80er aus den USA nach Europa und eroberte in Person von „Sonny“ Crockett und Ricardo Tubbs den Bildschirm: Mit seinem überstrahlten Neondesign etablierte „Miami Vice“ einen ganz neuen Look und machte bonbonhafte Pastelltöne ebenso populär wie die „Wayfarer“-Sonnenbrille von Ray Ban oder Sakkos über T-Shirts.

Ein 911 kann einfach alles tragen

Schon bald wirkte sich dies auch auf die Farbwelt des schwäbischen Sportwagenspezialisten aus. Die drei Hauptprotagonisten dieser Geschichte bezeugen dies sehr anschaulich: Ein 944 S2 in Maritimblau ist ebenso ein Hingucker wie der in pinkfarbenem Sternrubin getünchte 911 Carrera RS vom Typ 964 und der wuchtige, in Amethyst gehüllte 928 GTS. Als legitimer Vorgänger der modernen GT3- und GT3-RS-Modelle lieferte der RS zugleich auch das Paradebeispiel für den frischen Mut zur Farbe, den Porsche seither immer wieder an den Tag legt. So hinterließ der 997 GT3 RS in Acidgreen einen ebenso bleibenden Eindruck wie in Orange Met, der 991 GT3 RS wirkt in Lavaorange und Ultraviolett gleich noch imposanter.

Farbig wie ein Bonbonregal: der frühe 911 der F-Reihe

Und wer glaubt, alles schon einmal gesehen zu haben, weil sich Geschichte ja angeblich wiederholt, für den hatte Porsche 2009 eine Überraschung parat: Das 911-Sondermodell Sport Classic stand in einem tiefgründigen Grau gleichen Namens bereit, das auf den ersten Blick eher einer Grundierung ähnelte. Die 250 Exemplare waren innerhalb von 48 Stunden ausverkauft und der Beweis erbracht: Ein 911 kann einfach alles tragen. Und das gilt unisono auch für alle anderen Porsche-Sportwagen.

Info

Text erstmalig erschienen im Magazin Porsche Klassik 10.

Text: Achim Peitzmeier // Fotos: Markus Bolsinger

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Verbrauchsangaben

911 GT3: Kraftstoffverbrauch kombiniert 12,9 – 12,7 l/100 km; CO2-Emission 290 – 288 g/km

911 GT3 RS: Kraftstoffverbrauch kombiniert 12,7 l/100 km; CO2-Emission 296 g/km

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