Wiedersehen mit Porsche-Legenden des Motorsports

Das Porsche Museum auf dem Solitude Revival 2019: Mit dabei waren ikonische Rennwagen wie der 917 KH „Gulf“, 550 Spyder oder 804 Formel 1, aber auch Fahrer wie Hans Herrmann, Hans-Joachim Stuck oder André Lotterer.

Er hat gestrahlt. Die ganze Zeit. Stéphane Ortelli schloss auf Anhieb innige Freundschaft mit dem Porsche 917 KH in Gulf-Optik. „Ein phantastisches Auto, eine phantastische Strecke“, schwärmt der Le Mans-Gewinner von 1998. Diese erste Begegnung fand aber nicht auf der legendären Rennstrecke an der Sarthe statt. Sondern auf einem anderen Rundkurs, der im Alltag ebenfalls als Landstraße genutzt wird: Dem Solitudering, 11,7 Kilometer lang und mitten im Wald zwischen Stuttgart und Leonberg gelegen. Bis 1965 offizielle Rennstrecke, die seit 2011 alle zwei Jahre für ein Wochenende für das „Solitude Revival“ reaktiviert wird.

„Für uns ist die Teilnahme hier Verpflichtung und Ehre zugleich“ Achim Stejskal

Immer mit dabei: Porsche. „Für uns ist die Teilnahme hier Verpflichtung und Ehre zugleich“, sagt Achim Stejskal, Leiter der Historischen Öffentlichkeitsarbeit und des Porsche Museums. Immerhin stehen zahlreiche legendäre Namen und Fahrzeuge aus der Rennhistorie von Porsche in den Siegerlisten der Solitude-Rennen: 550 Spyder und 718 RS 60 Spyder, 718 Formel 2 und 804 Formel 1. „Ein großes Kompliment geht an die ehrenamtlichen Organisatoren, die hier erneut ein hochklassiges Rennsportfestival auf die Beine gestellt haben“, ergänzt Stejskal.

Willkommen ist hier alles, was zwei, drei oder vier Räder hat und zwischen Old- und Youngtimer rangiert. Bevorzugt naturgemäß Rennfahrzeuge. Sie starten in verschiedenen Klassen ihre Demonstrationsläufe. Deshalb hat das Porsche Museum auch den 356 B 2000 GS Carrera GTL Abarth dabei und eben den 917 KH „Gulf“. Stéphane Ortelli, Le Mans-Gewinner mit dem 911 GT1, ist fasziniert von dem Klassiker. „Der Sound, die Beschleunigung, überhaupt wie hervorragend alles funktioniert, das ist überaus beeindruckend“, schwärmt der Franzose. Er darf einige Runden mit dem legendären Rennwagen drehen, an dem seine 50 Jahre scheinbar spurlos vorbei gegangen sind. Er teilt sich das Cockpit mit Marc Lieb, 2016 mit dem 919 Hybrid Gesamtsieger in Le Mans und Langstrecken-Weltmeister. „Ich bin jedes Mal überrascht, wie einfach sich der 917 fahren lässt“, betont der Porsche-Ingenieur.

Ted Gushue, Stéphane Ortelli, l-r, Solitude Revival, 2019, Porsche AG
Stéphane Ortelli (r.) und Ted Gushue beim Solitude-Revival 2019

Wie Stéphane Ortelli hat auch er großen Respekt vor der Leistung der Rennfahrer, die vor 50 Jahren mit der Rennlegende aktiv unterwegs waren. Hans Herrmann beispielsweise, der 1970 mit dem 917 K Le Mans gewann und beim Solitude Revival seine Erinnerungen aufleben ließ. Denn bei dem Rennsportfestival trafen nicht nur Rennwagen-Generationen aufeinander, sondern auch Fahrer-Generationen: Die Legenden der 1950er- und 1960er-Jahre Hans Herrmann, Eberhard Mahle und Herbert Linge. Die Sieger der 1970er und 1980er Walter Röhrl und Hans-Joachim Stuck.

Und die jüngeren Fahrer Stéphane Ortelli, Marc Lieb, Neel Jani und André Lotterer. Dazu mit Hans Mezger auch der frühere Leiter der Motorsportabteilung von Porsche. Die Saug- und Turbomotoren des 917 waren ebenso sein Werk wie der Sechszylinder des 911, auch der Achtzylinder des 804 Formel 1 trug zum Teil seine Handschrift. „Mit dem 804 haben wir zwar nicht die Formel 1 gewonnen“, sagt er verschmitzt lächelnd, während der Monoposto auf der Strecke seine Demonstrationsrunden dreht. “Mit dem TAG Turbo im McLaren aber schon.“

„Man bekommt ein wunderbares Gefühl für die damalige Zeit, den Ursprung unserer Renngeschichte“ André Lotterer

Keiner kann sich an diesem Wochenende der Faszination der Rennwagen-Klassiker entziehen. „Ich bin zum ersten Mal beim Solitude Revival dabei und fahre auch zum ersten Mal den 718 Formel 2“, sagt André Lotterer, der in der kommenden Saison für Porsche in der Formel E starten wird. „Man bekommt ein wunderbares Gefühl für die damalige Zeit, den Ursprung unserer Renngeschichte. Der Formel 2 fährt sich wunderbar auf der Rennstrecke. Man bekommt richtig Lust, bis ans Limit zu gehen.“ Er ist nicht der einzige, der aus dem Formel-Renner mit dem Vierzylinder-Königswellenmotor am liebsten nicht mehr ausgestiegen wäre. „Ich habe mich in das Auto verliebt“, seufzt Hans-Joachim Stuck. „Und die Solitude ist toll, alles drin, schnell und langsam, bergauf und bergab. Ich wäre damals gern mitgefahren.“

André Lotterer, Solitude Revival, 2019, Porsche AG
André Lotterer saß auf dem Solitude Revival das erste Mal hinter dem Steuer des 718 Formel 2

Die Stimmung ist einzigartig auf diesem Rennsportfestival. Die Begeisterung der rund 12.000 Zuschauer für die mehr als 430 historischen Fahrzeuge muss sich wohl kaum hinter dem Enthusiasmus verstecken, den bis 1965 die manchmal deutlich mehr als 400.000 Besucher der Solitude-Rennen entfachten. Was vermutlich auch daran liegt, dass es keine Berührungsängste oder Hemmnisse zwischen Rennwagen, Fahrern und Publikum gibt. Als per Lautsprecherdurchsage zur offiziellen Autogrammstunde ins Porsche-Zelt eingeladen wird, wächst die Schlange der Besucher innerhalb von wenigen Minuten auf etwa 20 Meter. Wobei sich zeigt, dass die Begeisterung keine Geschlechterfrage ist – männliche und weibliche Fans halten sich die Waage.

„Ich erlebe das Solitude Revival zum ersten Mal“, sagt Neel Jani, der zusammen mit André Lotterer als Porsche-Werksfahrer bei der Formel E an den Start gehen wird und eifrig Autogramme schreibt. „Es ist ein Mehrwert für alle Auto-Enthusiasten. Ich kenne viele Autos nur von den schwarz/weiß-Aufnahmen und -Filmen. Dass man diese nun hier live sieht, hört und erlebt, ist einzigartig.“ Bei Walter Röhrl werden da ganz konkrete Erinnerungen wach. Wie ihn sein Vater 1954 zum ersten Mal zum Solitude-Rennen mitnahm und er als siebenjähriger Bub auf den Strohballen am Streckenrand die Renner gefährlich nah vorbeiflitzen sah. „Wenn ich so etwas später aus dem Rennauto sah, dachte ich: Sind die verrückt?“ 

Einer, der damals schon die Strohballen aus der Fahrerperspektive sah, war Eberhard Mahle, der 1954 erstmals bei der Rallye Solitude startete und Klassensieger wurde. Vor genau 60 Jahren gelang ihm ein Ausnahmeerfolg: Mahle ging beim Solitude-Rundstreckenrennen in drei Klassen an den Start, gewann zwei und beendete das dritte auf Platz Drei. „Die Solitude“, erzählt er, „war eine Fahrerstrecke. Da konnte man auch mit einem unterlegenen Auto gewinnen, wenn man einfach besser war.“ Und fügt schmunzelnd hinzu: „Autofahren kann ich halt bis heute immer noch am besten von Allem.“

Eberhard Mahle, Hans Herrmann und Hans Mezger gehören zu den Ehrenmitgliedern des Solitude Revival e.V., der die Motorsport-Bienale veranstaltet. Wie ihr ehemaliger Kollege und frühere Porsche-Werksfahrer Herbert Linge. Auch mit 90 lässt es sich der Gründer der ONS-Sicherheitsstaffel nicht nehmen an die Strecke zu kommen, auf der er 1963 Klassensieger wurde. Neben den vielen anderen internationalen Erfolgen. Ihm zu Ehren wird an beiden Tagen gegen Abend der „Herbert Linge Sonderlauf“ gestartet. Das Dröhnen der Motoren und das Klatschen der Zuschauer ist sein ganz persönlicher Beifall. Auch Stéphane Ortelli gibt jetzt wieder Gas. Strahlend.

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