07.02.2019

Die Blaue Mauritius

Die perfekte Symbiose aus hinreißendem Großmodell und perfektem Lernspielzeug stellte die Lüdenscheider Firma SIKU im Jahre 1955 vor. Nur wenige dieser Riesen aus Kunststoff und Blech haben die vergangenen 63 Jahre unbeschadet überstanden, dieser Bericht zeigt einen der seltenen Überlebenden.

Glücklich kann sich schätzen, wer Porsche-Miniaturen sammelt, denn das Angebot an Modellen des Zuffenhausener Sportwagenherstellers ist nahezu unerschöpflich. Ihre Geschichte begann mit erlesenen und bereits in der Anschaffung kostspieligen Blechmodellen von „Gescha“, einer Firma, auf die wir später noch zurückkommen werden, „Neuhierl“, „Distler“ oder „Niedermeier“. Die japanische Industrie zog zwar alsbald mit teilweise fabelhaften Miniaturen nach, die Gunst der Sammler sollten sie allerdings erst viel später erlangen. Gegen Mitte der 60er Jahre war es aber auch schon vorbei mit der Pracht. Verbraucherschützer und besorgte Eltern monierten zunehmend die Verletzungsgefahr durch scharfkantiges Metall. Den Kindern war das egal, denn die schicken neuen Modelle aus Metalldruckguss und Kunststoff ließen Blechautos einfach alt aussehen.

Wer heute auf die Anfänge seiner Sammlung zurückblickt, der wird sich sicherlich an sein allererstes Modellauto erinnern. In Deutschland war das gerne ein „Matchbox“-Flitzer, häufiger jedoch einer der Firma „Sieper Kunststoffe“, kurz „SIKU“. Die findigen Sauerländer erkannten 1951 das enorme Marktpotenzial von Modellautos, und so stellten sie zunächst ein großes Feuerwehrauto vor, es folgten Fantasierennwagen und ein stattliches Amphibienfahrzeug. Ab 1954 aber war die Zeit der teuren Großmodelle vorbei. Autos im bis heute von der Firma favorisierten Maßstab 1:60 eigneten sich einfach viel besser als Massenprodukte.

1955 kam der 356 mit geteilter Frontscheibe auf den Markt


Aber SIKU verabschiedete sich mit einem Paukenschlag von der Produktion von Großmodellen. Im Jahre 1955 präsentierten die Lüdenscheider ihr Meisterwerk: Mit der Bestellnummer 190 kam der 356 mit geteilter Frontscheibe auf den Markt. Ein wahrhaft imposantes Modell im Maßstab 1:16, das mit einer Länge von immerhin 25 Zentimetern sogar die in jener Zeit erhältlichen Blechmodelle überragte. Formal war das Modell gut getroffen, und SIKU konnte mit ihm den Nachweis erbringen, den Umgang mit dem noch jungen Werkstoff Plastik perfekt zu beherrschen. Schwer liegt er in der Hand, der 356. Der Innenraum besteht aus einer ockerfarbenen Blechplatte, das Lenkrad ist winzig. Der vorn montierte und vornehm surrende Friktionsantrieb macht das Modell kopflastig, sorgt aber gleichzeitig für einen besonders schweren und hochwertigen Auftritt. Die gute Traktion wird durch profilierte Gummireifen auf Druckgussfelgen garantiert.

Es sind jedoch die inneren Werte, die das SIKU-Modell so einzigartig machen. Denn unter der abnehmbaren Motorhaube verbirgt sich ein veritabler, funktionstüchtiger Vierzylinder-Boxermotor. Und hier kommt wieder der eingangs erwähnte Name Gescha ins Spiel. Diese Nürnberger Firma hatte sich bereits in den frühen 30er Jahren ihren „Gläsernen Motor“ patentieren lassen. Die findigen Sauerländer waren von dem Aggregat begeistert und handelten mit Gescha eine Lizenz zur Herstellung eines herausnehmbaren Boxermotors ähnlicher Bauart aus. Dessen Kolben huschten – angetrieben durch ein ausgeklügeltes, mit der Hinterachse verbundenes Zahnradwerk – unter den staunenden Augen der Kinder durch die Zylinder des durchsichtigen Motorblocks. SIKU hatte somit nicht nur ein hinreißendes Modellauto im Programm, sondern gleichzeitig auch ein Lernspielzeug, präsentiert in einer sensationellen Verpackung, die den Porsche nicht nur in höchst dynamisch anmutenden Fahrsituationen zeigte, sondern auch die Funktionsweise des herausnehmbaren Schaumotors veranschaulichte.

Unter der Motorhaube verbirgt sich ein funktionstüchtiger Vierzylinder-Boxermotor


Leider wurde die Produktion des Giganten nach nur wenigen Monaten eingestellt, zudem überlebten nur wenige der fragilen Plastikmodelle den rauen Spielealltag im Kinderzimmer und auf der Straße. Die Blaue Mauritius unter den Modellen des Zuffenhausener Sportwagenherstellers ist daher heute extrem rar, gut erhaltene und originalverpackte Exemplare werden unter Liebhabern bereits im hohen vierstelligen Bereich gehandelt.

Info

Text erstmalig erschienen im Magazin Porsche Klassik 13.

Text und Fotos: Fabian Houchangnia

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