02.06.2016

Rekord in Le Mans

Neel Jani stellte 2015 eine Bestmarke für die 13,629 Kilometer lange Strecke in Frankreich auf. Mit durchschnittlich 249,2 km/h erzielte der Werksfahrer eine Fabelzeit von 3:16,887 Minuten. Ein persönlicher Rückblick des Porsche-Piloten.

„Es war kurz nach 22 Uhr am Mittwoch, noch nicht ganz dunkel. Weil für Donnerstag Regen drohte, wusste ich, dass ich wohl nur diese eine Chance auf die Pole habe. Das erste Mal mit neuen Reifen und wenig Benzin auf eine Alles-oder-nichts-Runde. Ich war nervös. Vorsichtig die Reifen auf der Einführungsrunde anfahren und auf Temperatur bringen. Als ich Richtung Start und Ziel fuhr, sah ich ihn – einen LMP2. Ich habe ausgerechnet: Wenn ich jetzt ein bisschen verzögere und dann alles gebe, könnte ich ihn am Anfang der Hunaudières-Geraden ohne Zeitverlust überholen. Also los.

Erste Schikane, Dunlop und die Linkskurve. Ich hatte schon sechs Zehntel gegenüber meiner besten Trainingszeit gutgemacht. Dann kam Tertre Rouge, die Rechtskurve vor der Hunaudières, und ich realisierte: Es passt nicht. Der LMP2 war zu weit weg. Ich würde ihn in der ersten Schikane treffen und Zeit verlieren. Um das zu verhindern, habe ich mehr geboostet, als gut ist. Die elektrische Energie fehlt einem später. Ich kam gerade noch am LMP2 vorbei, bevor ich anfangen musste, Benzin zu sparen. Da war ich auch einen Kompromiss eingegangen. Das Timing war nicht optimal. Ich musste spät in die Schikane reinbremsen. Das Heck ist nach links ausgebrochen, aber die Kurve geht nach rechts, also hat es mich wieder gerade gestellt. Durch die Schikane und rausbeschleunigen.

Nach der Rekordrunde: Marc Lieb, Neel Jani & Romain Dumas (v.li.)

In der zweiten Schikane musste ich etwas früher vom Gas, um das Benzin einzusparen, das ich vorher verbraten hatte. Deshalb hatte ich weniger Speed als sonst, was es schwierig macht, den richtigen Bremspunkt zu finden. Anschließend kommt Mulsanne. Da holpert man über Bodenwellen, beim Anbremsen blockieren die Räder gern. Diesmal habe ich die Kehre perfekt getroffen und auch den Randstein am Kurvenausgang optimal erwischt, ohne in den Drehzahlbegrenzer zu kommen. Ich hatte gerade eben noch früh genug hochgeschaltet, weil ich viel schneller war als sonst. Dann über die Kuppe Richtung Indianapolis. Mist. Eine Corvette vor mir. Indianapolis ist eine schnelle Rechts-links-Kombination.

Ich habe überlegt: Wenn ich viel Speed mit durch die Rechtskurve nehme, komme ich zwar zu weit links raus, aber dann bleibe ich eben links und steche innen neben die Corvette. Ich habe ihm viel Lichthupe gegeben und bin kompromisslos links reingefahren auf die schmutzige Bahn. Ich wusste, dass die Corvette eine Kamera nach hinten hat und mit einem Pfeil angezeigt bekommt, von welcher Seite ein Auto angreift. Also dachte ich: Wenn das überhaupt gut geht, dann mit einer Corvette. Außerdem sitzen da in Le Mans nur Profis drin. Ich konnte mich in die Steilwandkurve reindrücken. Geschafft! Jetzt Arnage, eine extrem langsame Rechts. Genau wie Mulsanne hat sie Bodenwellen in der Bremszone. Diesmal war es eine Punktlandung. Beschleunigen Richtung Porsche-Kurven. An der Stelle sieht man gut zehn Fahrsekunden voraus. Da war kein Auto mehr! Meine Stunde hatte geschlagen.

Neel Jani, Werksfahrer, Le Mans, 2015, Porsche AG

Am Limit durch die Porsche-Kurven. Einlenken in die Rechtskurve, sechster Gang. Die erste Linkskurve, die zweite – ich bin voll auf dem Gas geblieben, wie ich es mir für diese Runde vorgenommen hatte. In den Porsche-Kurven darf nichts schiefgehen, sonst knallt es fürchterlich. Aber in diesem Qualifying bin ich für ein paar Zehntel mehr Risiko eingegangen. Also die zweite Links-, dann die lange Rechtskurve. Beim Richtungswechsel nicht zu weit rausrutschen, weil nur innen Grip ist. Hat auch gepasst. Dann kommt Karting, eine nach außen abfallende Links. Das Auto untersteuert dort immer, man muss höllisch aufpassen, innerhalb der weißen Linie zu bleiben.

Ich war jetzt vier Sekunden schneller als die Referenz. Noch zwei Schikanen. Bloß keinen Fehler machen. Dort fahren viele geradeaus, weil man nach den ultraschnellen Porsche-Kurven Umstellungsprobleme hat. Bei der Ford-Schikane ist der Eingang nicht zu sehen, aber ich hatte mir den Bremspunkt gemerkt. Ausgangs der letzten Schikane das künstliche Gras meiden, sonst hat man keine Traktion zum Beschleunigen. Vollgas. Ziellinie. Ich dachte an den LMP2, das zu frühe Boosten, die Corvette. Dann sah ich die 3:16,8 und dachte: Hoffentlich reicht es für Romain, Marc und mich. Denn ich möchte nicht jede Runde so viel riskieren müssen.“

Video: Rekordrunde in Le Mans
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