Es wurde eine spannende Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen, der beruflich und privat Träume verwirklicht. Nur wenige Stunden später schickte er das Kreuzfahrtschiff „Europa“ auf eine mehr als 74.000 Seemeilen lange Weltreise.

Douglas Ward ist der Autor des „Berlitz Cruise Guide“. Soeben ist die neuste Ausgabe dieser Bibel der Kreuzfahrtbranche erschienen. Ward meint, dass die „Europa 2“ und die „Europa“ die besten Kreuzfahrtschiffe der Welt seien. Zum wiederholten Male sagt er das. Es sind die einzigen Passagierschiffe, die der „Berlitz Cruise Guide“ mit dem Prädikat „Fünf-Sterne-Plus“ adelt. Sie gehören der altehrwürdigen Hamburger Reederei Hapag-Lloyd Cruises. Ihr Boss ist – im Privatleben – ein Rennfahrer. Karl J. Pojer, Jahrgang 1954, berufsbedingter Weltenbummler. Wir haben ihn entführt, kurz weggelockt von seinem Job zu einer Spritztour – mit einem 97er 993 Cabriolet. Weil wir viel über Karl J. Pojer gehört hatten und endlich wissen wollten, wie er tickt, der Manager, der Rennen fährt – der schnellste „Kreuzfahrer“ der Welt.

Als Junge schon von seinem eigenen Porsche geträumt

Es ist der 26. August 2016. Ein Tag, an dem sich bei Hapag-Lloyd die Ereignisse überschlagen. Der viersprachige Pojer entschuldigt sich deshalb, bevor wir überhaupt starten: „Ich bin leider etwas verspätet, aber wir haben gerade einen Meilenstein in der Geschichte von Hapag-Lloyd gesetzt und die Bauverträge für zwei neue Expeditionsschiffe unterschrieben.“ 2019 sollen sie in See stechen und Reisende zu den faszinierendsten Flecken der Erde bringen; bereits heute macht das Hapag-Lloyd erfolgreich mit den Expeditionsschiffen „Hanseatic“ und „Bremen“. Der Mann, der als Junge schon von seinem eigenen Porsche träumte, der in der Formel Ford mit Michael Schumacher und in der Formel Opel Lotus mit Jungs wie David Coulthard um die Pole-Position im Fight lag und eben eine Millionen-Investition unter Dach und Fach gebracht hat, steht tiefenentspannt neben uns.

Rennfahrer und Rennwagen im Automuseum Prototyp in Hamburg

„Lasst uns starten“, sagt er. Denn die Uhr läuft. Weil er in ein paar Stunden die „Europa“ von Hamburg aus auf eine Weltreise schicken wird. Es ist ein neues Konzept, eine Weltumrundung in 337 Tagen. In 200 Häfen wird das Schiff anlegen. Die „Europa“ geht zum ersten Mal auf solch eine Reise über sechs Kontinente und mehr als 74.000 Seemeilen. Vorher aber pilotiert der Manager nun den letzten luftgekühlten Porsche vom Anleger der „Europa“ aus in Richtung Hafencity. Unser Ziel ist das Automuseum Prototyp in der Shanghaiallee 7. Dort, inmitten dieses automobilen Kunstschatzes, wollen wir darüber reden, wie es ist, beruflich Manager und privat Motorsportler zu sein. Karl J. Pojer schwingt sich in den Porsche. Taucht ab in sein zweites oder besser drittes Ich.

Pojer startet den schwarzen 993 und cruist in Richtung Shanghaiallee

Da gibt es den Boss, der Chef der Robinson Clubs war, der im Vorstand der TUI AG für die Hotels und Resorts (aktuell 210.000 Betten) verantwortlich war und der im Mai 2013 als Vorsitzender der Geschäftsführung die Hapag-Lloyd Kreuzfahrten übernahm. Da gibt es den Privatmann, verheiratet, Vater einer 17-jährgen Tochter. Und schließlich gibt es da das dritte Ich, das des Rennfahrers. Es ist im Hintergrund immer dabei, wenn man mit ihm spricht; scharfgeschaltet wird es indes durch das Umdrehen eines Zündschlüssels. Pojer startet den schwarzen 993, spurtet aus dem Hafen und cruist in Richtung Shanghaiallee. Als er vor dem Automuseum Prototyp an diesem heißen Augusttag aussteigt, erzählt er uns davon, wie alles begann. Mit den Rennwagen, den Hotels und den Schiffen.

Zuerst wollte er Lokomotivführer werden, damals, als kleiner Junge in der Volksschule in Österreich. „Aber dann“, so Pojer, „habe ich gemerkt, dass das noch 17 andere Jungs in der Klasse vorhatten. Da war das Thema erledigt – von dem Zeitpunkt an wollte ich nur mehr Rennfahrer oder Hotelier werden.“ Zuerst standen die Zeichen dabei auf Rennfahrer. Früher als viele andere wurde er vielleicht auch deshalb zum Porsche-Fahrer.

Pojer hat sich einen gebrauchten 912 Targa mit 46.218 Kilometern gekauft

Der Hapag-Lloyd-Mann erinnert sich an den Anfang seines Autofahrerlebens: „Ich hatte als junger Bursche schon die ganzen Jahre über gespart, weil ich immer wusste: Mein erstes Auto soll ein Porsche sein. Aber das Budget hat dann nur bedingt gereicht. Deshalb habe ich mir einen gebrauchten 912 Targa mit 46.218 Kilometern gekauft. Das werde ich nie vergessen. Ich habe mich so über den Wagen gefreut, dass ich am Anfang dreimal am Tag um ihn herumgelaufen bin, wenn er vor dem Haus stand. Das war mein Einstieg in die Porsche-Welt. Später bin ich dann auch 911er gefahren; einen 944 Turbo hatte ich ebenfalls, als das Auto herauskam.“

Karl J. Pojer mag den Charme und das Flair Hamburgs

Parallel ging es für den heutigen Weltbürger im Motorsport weiter. „Es gab eine Rennfahrerschule in England, da bin ich hin. Dann kam für mich die Formel Ford. Das war die Zeit, als Michael Schumacher dabei war und schon damals um Lichtjahre schneller fuhr als die meisten anderen.“ Es folgte die Opel-Lotus-Serie. „Mit Heinz-Harald Frentzen, Rubens Barrichello und David Coulthard. Ich war damals bereits der Ältere und hatte meine Motorsport-Ambitionen limitieren müssen, weil die Hotelkarriere Fahrt aufgenommen hatte. Die Formel-Jahre waren spannende, tolle Zeiten; man sieht, was aus diesen Leuten geworden ist.“ Und genauso, wie er fasziniert von Schiffen und der boomenden Kreuzfahrtbranche spricht (Prognose: Anstieg von heute zwei auf drei Millionen „Kreuzfahrern“ bis 2020 in Deutschland), schlägt in diesem Manager nach wie vor das Herz des Rennfahrers: „Ich vergesse nie – es war ein Regenrennen in Spa. Und da bin ich tatsächlich vor Coulthard gewesen. Im Qualifying. Das war so ein Punkt wo man sagt: Yes i can.“

Synergien: Motorsport und Manager-Job

Auf Dauer jedoch ist es kaum möglich, zwei Highend-Karrieren gleichzeitig zu haben. Sein Weg als Hotelexperte führte ihn nach New York und zu anderen Hotspots der Erde. Karl J. Pojer, der nebenbei auch noch Erfahrungen im diplomatischen Dienst als Konsul von Österreich sammelte: „Es war für mich einfach der Moment, in dem die Hotelkarriere die Oberhand gewann. Wenn man ins Ausland geht, in vielen Ländern unterwegs ist, dann muss man dort im Motorsport eigentlich immer wieder neu anfangen: Teamcheck, Sponsorensuche – das ist natürlich nicht leicht. Und so war es ein ewiges Aufhören und wieder Anfangen. Irgendwann sagt man sich dann: ›Ich muss Prioritäten setzen.‹“ Doch der Bazillus des Motorsports lässt einen, der so nah dran war an den ganz Großen dieser Szene, nie wieder los. Und deshalb fuhr er in seiner Freizeit weiter. „Ich hatte das Glück, zwischendurch immer wieder in extrem guten Teams zu fahren – etwa für Walter Lechner, der ja noch heute unter anderem erfolgreich im Porsche Supercup unterwegs ist. Und so bin ich stets aktiv geblieben. Auch wenn es das ein oder andere Jahr gab, in dem ich pausieren musste.“

Motorsport und Manager-Job, da gibt es für Karl J. Pojer eine Menge Synergien. Zuerst einmal ist der Rennsport für ihn ein guter Ausgleich: „Ich finde, dass es eine ganz andere Form von Stress ist, wenn man im Rennwagen sitzt. Ich schalte dabei ab, man fokussiert sich mal ein Wochenende auf andere Dinge. Und du triffst Menschen mit gleichgelagerten Interessen. Ich tanke da regelrecht auf.“ Der Sportsgeist indes färbt auch auf die Arbeitswelt ab. Pojer: „Es gibt viele Parallelen zwischen dem Motorsport und den Dingen im Job, die man zu leisten hat. Fokussieren; auf den Punkt da zu sein; Teammitglieder mitzunehmen; Teamwork entstehen zu lassen; gemeinsame Ziele zu definieren – das alles sind Dinge, die man aus dem Motorsport sehr gut mitnehmen kann.“

Die Ampel steht auf grün

Er lebt all das. Wohl auch deshalb, weil er das Leben an den unterschiedlichsten Orten der Erde kennengelernt hat: „Wenn ich etwas gelernt habe in den vielen Jahren, in denen ich unterwegs bin in den verschiedenen Ländern und Städten der Welt mit Menschen der unterschiedlichsten Mentalitäten, dann ist es eines: Man kann nicht automatisch erwarten, dass jemand einen mit offenen Armen empfängt. Sondern man muss sich schon einbringen, anpassen, und sich für die Menschen interessieren. Man muss sich auf die Stadt, die Sprache, die Menschen einlassen. Dabei merkt man, dass man sich viel schneller integriert.“

Es ist die kluge Sichtweise eines Weltbürgers. Der verrät uns zum Schluss, dass er im nächsten Jahr vielleicht im Porsche Sports Cup starten wird: „Der Rennkalender ist ja so angelegt, dass man am Wochenende zwei Rennen hat; die Strecken sind zudem erreichbar. Organisatorisch könnte es klappen.“ Wir sind sicher, dass Karl J. Pojer fahren wird! Die Ampel steht auf grün.

Info

Text erstmalig erschienen im Magazin Porsche Klassik 10.

Text: Thomas Fuths // Fotos: Ingo Barenschee

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