Hannah Sicha über verantwortungsbewussten Abbau von Naturkautschuk

Ein durchschnittlicher Michelin-Sportreifen eines Porsche-Fahrzeugs enthält etwa 20 Prozent Naturkautschuk. Dieser Rohstoff wird aus einem Baum gewonnen, dessen An- und Abbau besondere soziale und ökologische Herausforderungen mit sich bringen kann. Mit dem Projekt CASCADE (Committed Actions for Smallholders Capacity Development) möchte sich Porsche gemeinsam mit Michelin im Rahmen des Nachhaltigkeitsstrategiefelds „Partner der Gesellschaft“ diesem wichtigen Thema annehmen, um die Menschen und Umwelt in den Abbauregionen zu unterstützen.

Du arbeitest in der Beschaffung und beschäftigst dich dort mit Nachhaltigkeit in der Lieferkette und dem Schwerpunkt Rohstoffe. Welche unternehmerische Verantwortung trägt Porsche bei diesem Thema und warum ist es dir persönlich wichtig, hier einen positiven Beitrag zu leisten?

Hannah Sicha: Rohstoffe bilden die Grundlage unserer Fahrzeuge – einige davon hat der Volkswagen Konzern aus Nachhaltigkeitssicht als sogenannte Hochrisiko-Rohstoffe identifiziert. Rohstoffe wie diese werden oftmals in Ländern des globalen Südens abgebaut, ihr Abbau kann negative Auswirkungen für Umwelt, Gesellschaft oder Menschenrechte nach sich ziehen. Ein Rohstoff, bei dem solche Risiken auftreten können, ist Naturkautschuk, ein wichtiger Bestandteil der Reifen unserer Fahrzeuge. Ich beschäftige mich mit genau diesem Rohstoff: Ich möchte in meiner täglichen Arbeit sicherstellen, dass Naturkautschuk verantwortungsbewusst abgebaut wird. Denn bei Porsche verstehen wir unternehmerische Verantwortung als eine Verpflichtung, die nicht an unseren Werkstoren endet, sondern die gesamte Wertschöpfungskette umfasst. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, arbeiten wir mit ausgewählten Lieferanten zusammen und analysieren potenzielle Nachhaltigkeitsrisiken entlang der Naturkautschuk-Lieferkette. Im nächsten Schritt erarbeiten wir effektive Maßnahmen, um diese Risiken zu reduzieren und mitigieren. In diesem Kontext bin ich im November 2023 auf die Insel Sumatra in Indonesien gereist und konnte mir vor Ort ein Bild machen. Indonesien gehört zu den weltweit größten Abbauregionen von Naturkautschuk.

Wie wird Naturkautschuk gewonnen und wie kann man sich die Situation vor Ort vorstellen?

Hannah Sicha: Naturkautschuk wird aus einem Kautschukbaum gewonnen und unter anderem von Kleinbauern in Südostasien angebaut. Die Naturkautschukplantagen sind sehr klein, teilweise kaum größer als ein halber Hektar und beginnen oftmals direkt vor der Haustüre der Bauern.  Die Abbauregionen liegen meist sehr ländlich: Um zu den Plantagen zu gelangen, müssen oftmals mehrstündige Autofahrten über holprige Straßen und durch einfache Dörfer unternommen werden. In der Region gibt es nicht viele alternative Einkommensquellen: Vor allem Palmöl und Naturkautschuk sorgen für den Lebensunterhalt der Menschen.

Naturkautschuk wird durch sogenanntes „Tapping“ gewonnen. Dabei wird zunächst die äußere Rinde der Kautschukbäume angeritzt. Dadurch sondert der Kautschukbaum einen milchigen Latexsaft ab, der in Behältern gesammelt wird und innerhalb kurzer Zeit zu Naturkautschuk gerinnt. Anschließend wird der Naturkautschuk an Zwischenhändler verkauft, die ihn zur nächstgelegenen Fabrik transportieren. Dort wird er weiterverarbeitet und zum Beispiel an Reifenhersteller geliefert. Automobilhersteller wie Porsche kaufen die fertigen Reifen schließlich ein – zum Beispiel bei Michelin, unserem Partner im Projekt CASCADE.

Welche potenziellen Herausforderungen kann der Abbau vor Ort mit sich bringen?

Hannah Sicha: Der An- und Abbau von Naturkautschuk kann vor allem soziale Auswirkungen mit sich bringen: Die Kleinbauern in der Region haben kaum alternative Einkommensquellen zum Naturkautschukabbau. Dazu kommen schwankende Preise auf den globalen Märkten, eine körperlich anstrengende Arbeit und ein niedriges Einkommen. Zudem kann der An- und Abbau mit Umweltweltauswirkungen verbunden sein, da Naturkautschuk häufig in Monokulturen sowie auch unter Einsatz von chemischen Stoffen angebaut wird. Dies kann zu einer Beeinträchtigung der lokalen Biodiversität führen.

Hannah Sicha, Projektleiterin Nachhaltigkeit in der Lieferkette, 2024, Porsche AG
Hannah Sicha

Ihr nehmt euch diesem Thema im Rahmen der Initiative CASCADE an. Was steckt hinter diesem Projekt?

Hannah Sicha: Wir bei Porsche stehen ganz am Ende der Wertschöpfungskette eines Reifens und kaufen dabei das fertige Produkt von unmittelbaren Zulieferern ein. Dennoch setzen wir uns für noch nachhaltigere Lieferketten ein – vom Abbau der Rohstoffe bis zum fertigen Reifen. Mit dem Projekt CASCADE engagieren wir uns gemeinsam mit unserem Lieferanten Michelin und einer lokalen Nichtregierungsorganisation für einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Abbau von Naturkautschuk. Das Projekt umfasst Schulungen zu effizienten Anbaupraktiken, Einkommensdiversifikation und Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Seit 2021 wurden mehr als 1.000 Kleinbauern im Rahmen des Projekts geschult. Wir wollen Kleinbauern dazu befähigen, ihre Anbaumethoden umweltschonender und effizienter zu gestalten sowie ihre Arbeits- und Lebensbedingungen langfristig zu verbessern. So können wir einen möglichen negativen Einfluss auf die Umwelt reduzieren und dabei gleichzeitig den Bauern in der Region langfristig ein besseres Leben ermöglichen.

Wie konntet ihr durch euren Beitrag bereits positive Veränderungen im Leben der Kleinbauern anstoßen?

Hannah Sicha: Wir vermitteln ausgewählten Bauern im Rahmen des Programms beispielweise eine effiziente Tapping-Technik, durch die die Bäume nun schonender und effizienter angezapft werden können. Dadurch gewinnt ihr Produkt an Qualität, was sich unter anderem an einer reduzierten Verunreinigung zeigt. Zudem können die Bauern dadurch mehr Kautschuk ernten. Dies ermöglicht den Kleinbauern höhere Verkaufspreise und ein besseres Einkommen. Durch Trainings im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz hat sich außerdem das Risiko für Verletzungen reduziert.

Gibt es eine Geschichte, die dich besonders gerührt hat?

Hannah Sicha: Allgemein wurde mir und meinen Kollegen von Michelin sehr viel Begeisterung und Dankbarkeit für unser Programm entgegengebracht. In persönlichen Gesprächen konnte ich wahrnehmen, dass wir während der Projektlaufzeit starke Verbesserungen und Erfolge vor Ort erzielen konnten. Eine besonders bewegende Geschichte war die einer jungen Landwirtin, die uns berichtete, wie sich ihr Leben durch das Training verändert hat. Früher arbeitete sie täglich viele Stunden auf der Plantage, was ihr kaum Zeit für ihre Kinder ließ und sie körperlich stark belastete. Dank CASCADE kann sie den Naturkautschuk nun effizienter ernten und die restliche Zeit für private Verpflichtungen und die Familie nutzen. Es hat mich sehr berührt zu sehen, dass wir nicht nur die finanzielle Situation der Menschen verbessern, sondern darüber hinaus ihr Leben positiv beeinflussen können. Mich macht es sehr stolz, dass wir den Kleinbauern durch CASCADE etwas zurückgeben und ihnen unsere maximale Wertschätzung für ihre wertvolle Arbeit entgegenbringen können – denn ohne sie hätten wir keinen Naturkautschuk für unsere Reifen.

Konntest du zudem bereits ökologische Erfolge vor Ort feststellen?

Hannah Sicha: Im Zuge unserer Initiative haben wir den Kleinbauern das sogenannte „Intercropping“ nahegebracht. Dabei handelt es sich um eine Anbaumethode, bei der neben Naturkautschuk auch weitere Feldfrüchte wie beispielsweise Vanille oder das Gewürz Kardamon angepflanzt werden. Auf diese Weise können wir eine zusätzliche Einkommensquelle für die Bauern schaffen und gleichzeitig Biodiversität fördern.  So können wir über das Projekt auch einen Beitrag für die Umwelt leisten. Uns ist jedoch bewusst: Um fortwährende Veränderungen in der Umwelt erzielen zu können, werden wir viele Jahre Impulse setzen und dabei geduldig bleiben müssen. Solch eine Entwicklung funktioniert nicht über Nacht. Besonders der ökologische Aspekt unseres Engagements ist daher auf Langfristigkeit ausgerichtet.

Wie geht das Projekt in Zukunft weiter und welchen Mehrwert kannst du für dich persönlich daraus ziehen?

Hannah Sicha: Ich bin dankbar, dass wir bei Porsche von Stuttgart aus ein Projekt planen konnten, das einen spürbaren Mehrwert für die Menschen auf der anderen Seite der Welt schaffen konnte. Ich würde mich freuen, wenn wir auf unserem Erfolg aufbauen und das Projekt auch in Zukunft fortsetzen können. Genau das ist es, was ich unter authentischer Nachhaltigkeitsarbeit verstehe: Das persönliche Erleben der Situation vor Ort, ein offener Dialog mit lokalen Gemeinden und das Erzielen von langfristigen Erfolgen.

Info

In der Interviewreihe „Perspektive Nachhaltigkeit“ erzählen Porsche-Mitarbeiter von ihren fachspezifischen Themengebieten. Das Interview mit Hannah Sicha ist Teil 11 der Serie.

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