10.11.2018

Neue Ära

Mit der Entscheidung, den Taycan in Zuffenhausen zu fertigen, realisiert Porsche das größte Bauvorhaben seiner nunmehr 80-jährigen Standortgeschichte. Das historische Stammwerk im Norden Stuttgarts wird fit gemacht für die Automobilproduktion der Zukunft.

Die Geschichte des Standorts Zuffenhausen begann vor 80 Jahren. Die damalige Dr. Ing. h.c. F. Porsche KG zog vom Zentrum Stuttgarts in den nördlichen Stadtteil. Von Beginn an wurde dort Automobilgeschichte geschrieben: Die Nullserie des späteren „VW Käfer“ ist in Zuffenhausen entstanden, ebenso drei Rennsportcoupés Typ 64, Baujahr 1939. Ab 1950 wurden auf dem Werksgelände die ersten Sportwagen der Marke Porsche gebaut: zunächst der legendäre 356, seit 1964 der 911. Jetzt steht das historische Stammwerk vor einer neuen Ära. Mit der Produktion des Taycan entsteht derzeit eine Fabrik innerhalb der Fabrik. Ab 2019 wird der Sportwagenhersteller neben den aktuellen zweitürigen Fahrzeugen das erste vollelektrische Serienmodell der Marke fertigen. Mehr als 1.200 neue Arbeitsplätze entstehen. Porsche investiert allein in Zuffenhausen rund 700 Millionen Euro.

Für die Konstruktion des neuen Karosseriewerks, der Lackiererei und der Förderbrücke sowie der Hallen für Montage, Logistik, E-Antriebs- und Achsfertigung werden insgesamt mehrere zehntausend Tonnen Stahl verbaut. Das entspricht ungefähr der Menge, die für 100.000 Karosserien des 911 Carrera benötigt würden. Der Erdaushub in Zuffenhausen summiert sich auf 28.000 Lkw-Ladungen, der angelieferte Beton auf rund 112.000 Kubikmeter. Mit dem Transport dieser immensen Materialmengen im dichten Stuttgarter Verkehr und ihrer Verarbeitung auf den aktuellen Baustellen sind knapp 300 Planer und bis zu 3.000 Bau- und Anlagenexperten beschäftigt. Bis zu 100 Tonnen schwere Betonpfeiler werden in das Stammwerk von Porsche transportiert. Es ist viel los in diesen Wochen und Monaten in Zuffenhausen.

Mit Kreativität gegen den Platzmangel

„Hier in Zuffenhausen schlägt das Herz von Porsche“, betont Reiner Luth, Leiter Planung des Fabrikprojekts. Die neuen Gebäude werden errichtet, während daneben die Serienproduktion weiterläuft – ohne Unterbrechungen, ohne Verzögerungen. Damit künftig auch der Taycan in Zuffenhausen vom Band rollt, „operieren wir sozusagen am offenen Herzen“, zieht Luth einen Vergleich zur Medizin. Selbstredend, welche Herausforderungen dieser „Eingriff“ mit sich bringt.

Allein der Zeitplan ist ehrgeizig. Ende 2015 trifft Porsche die Entscheidung, den Taycan in seinem Stammwerk zu fertigen. Die Uhr tickt, 2019 soll die Serienproduktion starten. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung. „Hier ist alles dicht gedrängt“, erklärt Jürgen King, Leiter des zentralen Baumanagements. Er koordiniert den Bau für Porsche. „Damit wir bauen können, mussten 5.000 Mitarbeiter umziehen – in knapp einem halben Jahr.“

Derzeit baut Porsche sein Stammwerk für die Produktion des Taycan aus


Das Porsche-Stammwerk ist von allen Seiten her begrenzt. Es schließt direkt an Wohngebiete, Grundstücke anderer Firmen, Bahngleise und Straßen an. So trennt eine vierspurige Hauptverkehrsstraße etwa die neue Lackiererei und den Karosseriebau des Taycan von der Montagelinie. Die Enge führt dazu, dass Porsche kreativ wird. Bereits im Zuge früherer Werkserweiterungen hat Porsche in die Höhe gebaut – und macht das auch jetzt. In der neuen Montage- und Logistikhalle sowie im Karosseriewerk wird sich die Produktion des E-Porsche auf vier Ebenen erstrecken. Das kommende Sportwagenmodell wird von oben nach unten gefertigt: Der Montageprozess verläuft bis hinab ins Erdgeschoss, wo das fertige Fahrzeug nach der Abnahme ebenerdig aus der Halle rollt. Die Technik, die die gesamte Produktion steuert, ist im Keller untergebracht. Ein logistisches Meisterwerk, nahezu einmalig in der Automobilproduktion.

Von einer „Riesenherausforderung“ spricht Luth mit Blick auf die Werkserweiterung. Und King ergänzt: „Vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen ist das nicht nur die größte, sondern auch die schnellste Baustelle in der Geschichte von Porsche.“ Zweifel an der Entscheidung für Zuffenhausen gab es nicht. Das Megaprojekt macht das Stammwerk zukunftsfähig. Es setzt ein Zeichen für den Standort und für seine Belegschaft – und garantiert auch den Taycan-Kunden das Qualitätsversprechen „made in Germany“.

Nachhaltige Autos aus nachhaltiger Produktion

Die Elektroantriebe und Achsen für den ersten E-Porsche werden ebenfalls im Stammwerk produziert. „Darauf sind wir besonders stolz“, sagt Luth. Das Gleiche gelte für das Ziel einer CO2-neutralen Fabrik – „das i-Tüpfelchen der Herausforderungen“, wie King es nennt. 42.000 Quadratmeter Dachbegrünung sind geplant, zahlreiche Bäume sollen vor den neuen Werkshallen gepflanzt werden. Gleichzeitig verschwinden alte, ineffiziente und wenig umweltfreundliche Gebäude. Wer in Zukunft das Stammwerk besucht oder auch nur daran vorbeifährt, soll sofort erkennen: Porsche legt Wert auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz. „Wenn wir mit der Werkserweiterung für den Taycan fertig sind, wird Porsche emissionsfreie Fahrzeuge in einer CO2-neutralen Fabrik produzieren – eine runde Sache“, resümiert Bauleiter King.

Fördertechnik

Der Blick aus dem Inneren der neuen Förderbrücke offenbart, was derzeit am Stammsitz von Porsche geschieht: Altes wird durch Neues ergänzt, der rote Backsteinbau – die Keimzelle des Standorts – ist umringt von Stahl- und Glasfassaden, die für eine neue Ära des traditionsreichen Unternehmens stehen. Ende 2019 wird hier neben den klassischen Sportwagen auch der erste rein elektrisch angetriebene Porsche gefertigt. Auf der Förderbrücke, weltweit eine der längsten, werden Antriebskomponenten sowie die lackierten Karosserien des E-Sportlers von der Lackiererei an die Montagelinie transportiert – in 20 Metern Höhe, über eine vierspurige Hauptverkehrsstraße Stuttgarts, die das Stammwerk in zwei Hälften teilt.

Länge: 890 Meter
Ebenen: 2
Fassade: 17.000 Quadratmeter
Schaufenster: 2

Montage und Logistik

Viel Platz für den Taycan: Die neue Montage- und Logistikhalle ist künftig der größte Gebäudekomplex von Porsche in Zuffenhausen. Ihre Dimensionen sind enorm, ihre Errichtung ein Drahtseilakt für die Planer. Während das viergeschossige Bauwerk in Rekordzeit errichtet wird, werden um die Baustelle herum der 911, Boxster und Cayman sowie die Porsche-Motoren gefertigt. Derzeit werden dort die Montageanlagen für den E-Porsche installiert – und im kommenden Jahr die ersten Serienmodelle des Taycan vom Band rollen.

Erdaushub: 240.000 Kubikmeter
Höhe: 38 Meter
Bautiefe: 25 Meter
Bruttogeschossfläche: 62.000 Quadratmeter
Rauminhalt: 360.000 Kubikmeter
Fertigteile: 2.760

Lackiererei

Derzeit werden in der eigens für den Taycan errichteten Lackiererei die letzten Arbeiten im Inneren des Gebäudes verrichtet – unter anderem am Bodenbelag und an der Decke –, während auch dort bereits die Technik Einzug hält und die Lackieranlagen aufgebaut werden. Eine der Besonderheiten des Gebäudes: Die Stahlbaukonstruktion trägt sich selbst.

Länge: 216 Meter
Höhe: 28 Meter
Material: 6.900 Tonnen Stahl

Karosseriewerk

Das neue Karosseriewerk ist der zweitgrößte Gebäudekomplex nach der Montage- und Logistikhalle des Taycan. Die Bauarbeiten starteten bereits im vierten Quartal 2015. Heute entstehen dort schon die ersten Karosserien für Vorserienfahrzeuge, künftig neben denen des 911 auch die für den Taycan.

Rauminhalt: 320.000 Kubikmeter
Bruttogeschossfläche: 65.000 Quadratmeter
Höhe: 30 Meter
Material: 20.000 Tonnen Stahl, 35.000 Kubikmeter Beton

Die Geschichte des Stammwerks

1938: Das Konstruktionsbüro von Ferdinand Porsche zieht von der Kronenstraße in der Stuttgarter Innenstadt nach Zuffenhausen. Das heutige Werk 1 ist dort gerade fertiggestellt worden.

1953: Die von Rolf Gutbrod entworfene Montagehalle (Werk 2, Bau 1) wird in Betrieb genommen. Bereits drei Jahre zuvor beginnt Porsche in Zuffenhausen mit der Fertigung der ersten Sportwagen.

1963: Zu Beginn der 1960er-Jahre expandiert der Sportwagenhersteller kräftig: Das Stammwerk wird weiter ausgebaut. Fahrzeugabholung, Pforte und das Werk 3 kommen hinzu.

1973: Unmittelbar nach Einführung des Porsche 911 hat der Sportwagenhersteller 1964 das Karosseriewerk Reutter übernommen. Fünf Jahre später wird das Werk 2 um den Bau 41 erweitert.

1988: Der neue Karosseriebau entsteht. Er bildet künftig das Werk 5, das über eine Förderbrücke mit dem Werk 2 verbunden wird. Kurz darauf beginnt dort die Produktion des Porsche 911, Typ 964.

2015: Sechs Werke, ein Porsche Zentrum, das Porsche Museum – mittlerweile beträgt die Fläche des Standorts rund 614.000 Quadratmeter. Das historische Werk 1 ist jetzt ein Gebäude von vielen.

2018: 10.600 Mitarbeiter

Verbrauchsangaben

Modellreihen Porsche 718 Boxster / 718 Cayman: Kraftstoffverbrauch kombiniert 9,0 – 7,4 l/100 km; CO2-Emission 205 – 168 g/km

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Frieder Pfeiffer Freier Journalist, schreibt unter anderem für den Spiegel, 11 Freunde und Süddeutsche Zeitung. Arbeitet als Buch-Autor im Sportbereich sowie vereinzelt als Werbetexter. fpf@peacerpiper.com

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