Am Passo dello Stelvio trennt sich die Spreu vom Weizen. Wann immer ein neuer Sportwagen auf die Strasse kommt und noch mehr Agilität, Dynamik, Sprintstärke verspricht, stelle ich mir die Frage: Wie würde er sich wohl am Stilfserjoch schlagen? Mit 48 schwindelerregenden Kehren und einem Höhenunterschied von fast 1‘900 Metern allein auf der Nordrampe ist der „Stelvio“ in Südtirol so etwas wie der Endgegner unter den Alpenpässen. Nirgendwo ist der Serpentinenstakkato dramatischer. Schon Hans Stuck hat die legendären Kurven im offenen Grand-Prix-Rennwagen bezwungen, Fausto Coppi beim Giro d’Italia mit eisernem Willen in die Pedalen getreten. Es ist kein Pass für Schönfahrer, der Stelvio muss bezwungen werden. Wenn ein Auto hier tatsächlich Endorphine versprüht und man sich nicht in Zeitlupe durch die Kehren kurbeln muss wie ein niederländischer Wohnmobilfahrer in Pension, hat es das Prädikat Sportwagen tatsächlich verdient.

Als ich vor einigen Jahren zusammen mit dem Münchener Fotografen Stefan Bogner eine Woche am Stilfserjoch unterwegs war, um für unser gemeinsames Buch „Porsche Drive – Stelvio“ zu recherchieren und zu fotografieren, diente uns als Produktionsauto sein nardograuer Porsche 911 GTS der Generation 991. Immer und immer wieder fuhren wir durch die engen Kurven und Kehren, im Morgengrauen und bei völliger Dunkelheit, bei Regen und Nebel, oft ein Dutzend Mal am Tag, immer auf der Jagd nach dem perfekten Bergmoment. Und nie fiel uns bei diesem ultimativen Stresstest für Motor, Bremsen, Reifen, Getriebe und Federung etwas auf, das wir an diesem Elfer verändert hätten – alles war genau so justiert, wie man es sich wünschen konnte. Mit dem Porsche 911 GTS hatte der Stelvio einen ebenbürtigen Gegner gefunden. Als Porsche nun erstmals einen Macan mit dem klangvollen Beinamen GTS enthüllte, war das Ziel meiner nächsten Reise sofort klar: Kurz hinter der Schweizer Grenze, auf der legendären Alpenstrasse zwischen Prad im Vinschgau und Bormio im Veltlin, musste sich auch das neue SUV aus Zuffenhausen beweisen.

Wie kann ein praktisches Familienauto bloss so verdammt viel Spass machen?

Was den Porsche Macan so attraktiv macht, ist seine Alltagstauglichkeit: Schliesslich muss man sich nach einer performanten Woche im Büro nicht zwischen Familienausflug und alpinem Strassensport entscheiden – mit dem kompakten SUV ist beides möglich! Kein Wunder also, dass der Macan in der Alpennation Schweiz die Verkaufsrangliste anführt. Mit seinem 444 PS starken Dreiliter-Sechszylinder, der dynamischen Flyline, einem neuen Bug mit markantem Wing, schnittigen Sideblades und einem dramatischen Heck mit vier Endrohren steht der neue Macan GTS den rennsportlichen Porsche-Modellen aus Weissach nun noch etwas näher. Nur eben mit fünf Türen, fünf Sitzen – und genügend Raum für den Familienurlaub.  

Den fahrdynamischen Härtetest am Stelvio möchte ich dem Nachwuchs im Fond jedoch nicht zumuten. Und so gleite ich an einem Montagmorgen im Oktober allein unter azurblauem Himmel durch die ersten sanften Kurven dieser wohlbekannten Strecke. Ausser mir sind nur einige lokale Haudegen mit ihren Rennvelos am Berg – es sind die letzten Tage vor der Wintersperre. Ich lasse die Fenster herunter, die eiskalte Bergluft strömt durchs Cockpit, der Sound des Sechszylinders schallt sonor aus den Wäldern zurück, zwischen Lärchenwipfeln blitzt weiss der Gipfel des Ortlers hindurch. Der Vortrieb des Porsche ist so souverän wie agil, fast wähnt man sich hinter dem Steuer eines Elfers zu sitzen. Hinter Trafoi dann die ersten ernstzunehmenden Kehren. Die 21 Zoll grossen Rennsporträder und der Radstand von 2,8 Metern sind ideal für die Langstrecke – dennoch lässt sich der Macan GTS spielend und verblüffend präzise durch die engen Serpentinen dirigieren. Das GT-Sportlenkrad liegt griffig in den Händen, die Schaltpaddels laden zum Spielen ein. Wie kann ein praktisches Familienauto bloss so verdammt viel Spass machen?

Jenseits der Baumgrenze folgt die Kür: In 21 eng übereinander gestaffelte Spitzkehren windet sich die Strasse den steilen Abhang hinauf, zum höchsten Punkt sind es nun 570 Höhenmeter, der Abgrund zur Linken gähnt gespenstisch hinter flachen Natursteinmauern. Ein unbedachter Stoss aufs Gaspedal, und... Nicht auszudenken! Doch die Kraft des Macan GTS lässt sich haarscharf und sicher dosieren, die Sport-Luftfederung dämpft die Unebenheiten der durch Wind und Wetter gezeichneten Strasse mit lässiger Präzision, der Allradantrieb spielt gekonnt mit der Kraftverteilung – hier werden Gas, Bremse und Lenkrad zu Rhythmusinstrumenten. Und mit anschwellendem Glücksgefühl folge ich dem Beat der Strasse, bis ich plötzlich auf der Passhöhe stehe. 2757 Meter über dem Meer. Also aussteigen, den atemberaubenden Rundumblick geniessen. Ich wechsle einige Worte mit Richard Ritsch, der hier seit mehr als 50 Jahren seine legendären Würstel mit Sauerkraut verkauft – und die Gewinne seit neuestem in Bitcoins investiert. Auch am Stilfserjoch steht die Zeit nicht still.

Am Abend legt sich die Dämmerung über das Vinschgau, die Gipfel des Ortlermassivs erstrahlen nochmals im letzten Sonnenlicht, das rote Leuchtenband des Macan stimmt unten im Tal ins Alpenglühen ein, über der Haube flimmert die warme Luft. Auch dieser Porsche hat das Stilfserjoch mit Bravour gemeistert, der GTS hat sich am Berg seine Sporen verdient. Und wer sich diesen Allround-Sportler in die Garage stellt, sollte der versteckten Aufforderung im Modellnamen folgen – und zumindest einmal die sagenhaften Serpentinen des Stelvio erklimmen.

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Verbrauchsangaben

Macan GTS

WLTP*
  • 11,7 – 11,3 l/100 km
  • 265 – 255 g/km

Macan GTS

Kraftstoffverbrauch / Emissionen
Kraftstoffverbrauch kombiniert (WLTP) 11,7 – 11,3 l/100 km
CO₂-Emissionen* kombiniert (WLTP) 265 – 255 g/km
Effizienzklasse: G