„Einen Plan B hatte ich nie“

André Lotterer faszinieren beide Welten, die analoge und die digitale. Zeitlosigkeit und Zeitdruck. Unterwegs mit dem Formel-E-Fahrer und seinem frisch restaurierten 911 Carrera RS 2.7.

Vor ihm liegen noch neun Formel-E-Rennen in der laufenden Saison, hinter ihm drei Le-Mans-Siege, irgendwann dazwischen kaufte er sich einen Porsche 911 Carrera RS 2.7. „Das Auto war in einem schlechten Zustand, hatte viele Rennen hinter sich“, erzählt André Lotterer über seinen „Entenbürzel“. Zum ersten Mal sah er das Fahrzeug im Auktionshaus Artcurial in Paris. Und nach Frankreich brachte er es später zurück, genauer gesagt zur Restaurationswerkstatt RV Classic in Rennes.

André Lotterer, 911 Carrera RS 2.7, 2020, Porsche AG
Auf Augenhöhe: Mit der Kamera in der Hand kann man sich in verschiedenen Welten austoben. Für André verbindet Fotografie Kunst mit Technik. Der Entenbürzel ist für ihn immer ein perfektes Motiv

Rennes ist die Hauptstadt der französischen Region Bretagne und die elftgrösste Stadt des Landes. Von der Werkstatt sind es exakt 310 Kilometer Luftlinie zum Eiffelturm. „David Hervé, der Chef von RV Classic, ist seit mehr als 20 Jahren auf Porsche spezialisiert. Ich fühlte mich dort sehr gut beraten. David und sein Team haben mein Auto mit grosser Liebe zum Detail und enormem Fachwissen restauriert“, sagt der 38-Jährige, dessen RS die frühe Chassisnummer 0027 (#9113600027) trägt.

„Es gibt wenige Dinge im Leben, die schöner sind, als in einem alten Porsche Kurven zu fahren.“ André Lotterer

„Es gibt wenige Dinge im Leben, die schöner sind, als in einem alten Porsche Kurven zu fahren“, schiebt er hinterher und zückt seine Leica-Kamera, um den Moment festzuhalten. Analog, denn: „Analog erstellte Fotos tragen mehr Leben in sich, erzählen interessantere Geschichten, sind zeitloser und authentischer zugleich.“

André Lotterer, 911 Carrera RS 2.7, 2020, Porsche AG
Zwei Welten: Die staubige Industriebrache in Frankreich als perfekte Fotolocation für den frisch restaurierten 911 Carrera RS 2.7 in leuchtendem Blutorange

Der gebürtige Duisburger mit dem belgisch-französischen Akzent startete 2017 im 919 Hybrid für das Werksteam von Porsche in der Langstreckenweltmeisterschaft WEC. 2019 kehrte er zu Porsche zurück, um nach zwei Saisons mit Techeetah schliesslich für die Schwaben in der ABB-FIA-Formel-E-Meisterschaft zu starten. Saison 6 (2019/2020) war die erste für Porsche in der Formel E, André Lotterer und Neel Jani bildeten das Duo, auf das die Sportwagenbauer aus Stuttgart/Weissach setzten. „Im Langstreckensport waren wir mit Hybridmotoren unterwegs, jetzt ist die Zukunft elektrisch. Die Formel E ist der sportlichste Part dieser Zukunft“, fasst er zusammen. Und doch sei es das Schwierigste, was er je gemacht habe. Nicht zuletzt wegen der spektakulären Überholmanöver auf den engen Stadtkursen.

André Lotterer, 911 Carrera RS 2.7, 2020, Porsche AG

Die Simulatortage in Weissach nutzt der dreifache Le-Mans-Sieger gern, um seine Verwandten in Renningen zu besuchen, direkt um die Ecke. Schon als Kind habe er es dort genossen, mit dem Fahrrad Richtung, Weissach zu strampeln, stets in der Hoffnung mindestens einen Porsche zu hören oder gar einen zu sehen. „Alles, was Porsche im Motorsport anpackt, gewinnt Porsche. Die Marke geniesst ein extrem hohes Ansehen, nicht nur auf der Rennstrecke“, fasst André zusammen, der sich ein Leben ohne den Motorsport nicht vorstellen kann. „Mein Leben als Rennfahrer ist genial und erfüllt mich. Einen Plan B hatte ich nie.“ Er hat Respekt vor jeder Strecke, aber: „Ich bin sehr ehrgeizig und bereite mich akribisch mit meinem Team vor. Im Auto bin ich dann frei im Kopf, fokussiert, konzentriert und im Flow. Ich höre viel auf meinen Bauch, handle sehr intuitiv und spüre, was das Fahrzeug an welcher Stelle macht. Aber ich habe keine Angst zu verlieren.“

Fit hält er sich mit Radfahren, am liebsten in den Seealpen rund um seine Wahlheimat Monaco, wo er seit 2011 lebt. Für die mentale Agilität und Koordination setzt er auf Jonglieren und Slacklinen, balancieren auf einem gespannten Gurtband. Und darauf, dass er immer sein Ziel vor Augen visualisiert, wie sein Vater, ein gebürtiger Peruaner, es ihm von klein auf beibrachte: Je präziser du dein Ziel vor Augen hast, desto eher erreichst du es und gewinnst.

André Lotterer, 911 Carrera RS 2.7, 2020, Porsche AG
Hohe Messlatte: Mit der Kamera in der Hand ist André Lotterer genauso ehrgeizig und selbstkritisch wie im Rennfahrzeug. Ein Foto ist nie perfekt für ihn, er versucht immer noch ein besseres zu schiessen

Fokussiert ist er auch bei seinem liebsten Hobby, dem Fotografieren. Und statt eine lange Runde mit seinem frisch restaurierten Entenbürzel aus dem Jahr 1973 zu drehen, sucht er nach einer interessanten Location, um Bilder zu schiessen. Eine Industriebrache unweit der Werkstatt bietet sich wunderbar an, um den blutorangefarbenen Porsche in Szene zu setzen. „Die Mischung aus Technik und Präzision fasziniert mich bei der Fotografie genauso wie beim Motorsport“, sagt er und platziert das Auto neben einer Pfütze, in der es sich spiegelt. 

Im Oktober 1972 feierte der 960 Kilogramm leichte Sportwagen Weltpremiere auf dem Pariser Automobilsalon, einen Monat später waren die für die Homologation erforderlichen 500 Exemplare längst verkauft. Der Sechszylinder löst alle Versprechen eines schnellen Sportwagens ein und wird dank seines ausgeprägten Heckspoilers schon kurze Zeit später den Spitznamen „Entenbürzel“ erhalten. Längst steht der Begriff synonym für den Sportwagen mit 2,7 Liter Hubraum und 4,5 kg/PS. Porsche verkaufte letztlich 1.525 Exemplare.

Fotografien von André Lotterer

André blickt durch den Sucher seiner Leica und erzählt von seiner Zeit in Japan, weil sie zu schön war, um sie unerwähnt zu lassen. 2003 zog er nach Tokio, wo er erfolgreich in der Serie Super Formula (damals Formel Nippon) und in der Super-GT-Meisterschaft fuhr. „Die Japaner haben mich mit offenen Armen empfangen, ich habe 15 tolle Jahre dort erlebt, mit sehr geradlinigen, höflichen Menschen.“

Seine Vorbilder sind Ayrton Senna und Jacky Ickx. Senna zierte bereits vor 31 Jahren als Comicfigur „Senninha“ Andrés Karthelm, Ickx ist der noch lebende Held für ihn, die beiden sind Freunde, die Liebe zum Motorsport und zu Belgien verbindet sie. Andrés Mutter Rosy lebt nach wie vor in Belgien, und auch für ihn fühlt es sich dort nach Heimat an. Auf dem Areal einer ehemaligen Formel-1-Strecke steht heute ein Industriegebiet, in dem er eine kleine Autosammlung sein Eigen nennt, unter anderem ein 911 Carrera Cabriolet „Turbolook“ (Generation 964), ein 911 Carrera RS 3.8 (Generation 964) und ein 356 Speedster. Dort gibt es dann das nächste Fotoshooting, analog und digital, verspricht er.

Porsche 911 Carrera RS 2.7 – Technische Daten

Motor: Sechszylinder-Boxer
Hubraum:  2.687 cm2
Beschleunigung: 5,8 Sekunden auf 100 km/h
Maximale Leistung: 210 PS bei 6.300/min
Leergewicht: 960 kg
Radstand: 2.271 mm
Höchstgeschwindigkeit: 245 km/h

Info

Text erstmalig erschienen im Magazin Porsche Klassik, Ausgabe 17.

Autorin: Christina Rahmes

Fotografie: Bart Kuykens

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Dieser Beitrag wurde vor dem Start des Porsche Newsroom Schweiz in Deutschland erstellt. Die genannten Verbrauchs- und Emissionsangaben richten sich daher nach dem Prüfverfahren NEFZ und wurden unverändert übernommen. Alle in der Schweiz gültigen Angaben nach WLTP-Messzyklus sind unter www.porsche.ch verfügbar.

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