12.02.2019

In Ehren gereift(er)

Die Spuren der Jahre zieren das Blech, geben ihm Charakter. Sie zu bewahren ist das Ziel einer „Patina-Restaurierung”. Und manchmal gelingt es, mit hoher Kunst ebendiesen Narben eines Autolebens ein Quäntchen Stil hinzuzufügen. So wie im Falle dieses Black-Plate-Porsche 356 aus sunny California.

Er klingt ein bisschen kerniger, dieser Porsche 356 B mit 1600-S-Motor. Er atmet seine 75 PS recht sportlich durch einen Edelstahlauspuff aus. Kurz und trocken bremst der T5 ab, der Boxer verstummt, und aus dem kleinen Coupé faltet sich Stephan Rohleder heraus. Man merkt dem groß gewachsenen Porsche-Fan an, dass er kaum weiß, wo er mit dem Erzählen anfangen soll bei diesem Wagen. Geschichte? Fundstory?

„Nein”, legt er fest, „am wichtigsten war der Tag, als wir entschieden haben, was aus dem Wagen wird.” „Wir”, das sind Stephan und Christian Wilms. Zusammen sind sie die Köpfe hinter dem Porsche- und Volkswagen-Restaurierungs- und Veredelungsbetrieb „Das Triebwerk”. Und mit Dirk Patschkowski kannten sie auch den geeigneten Mann für die Umsetzung ihrer Ideen. Stephan und Christian bestimmten, dass der frisch hereingekommene Kalifornien-Reimport nicht wie ursprünglich geplant perfekt restauriert wird, sondern die kleinen Narben seines Lebens behalten darf. „Und Dirk sollte den Charakter des Wagens mit seinen Ideen verstärken”, beschreibt Stephan das Ziel.

Der Trend zur Erhaltung des Originalzustandes ist in der Oldtimerszene längst angekommen


Vor wenigen Jahren wäre so ein Ansinnen noch auf Unverständnis allerorten gestoßen. Patina? Ist was für Ölgemälde oder Fresken in angestaubten römischen Kathedralen. Doch der Trend zur Erhaltung des Originalzustandes ist in der Oldtimerszene längst angekommen. „Patina” aber bedeutet noch ein wenig mehr. Mancher Verkäufer verwechselt das gern mal. Aber eine Rostlaube ist mitnichten patiniert, sondern eben eine Rostlaube. Patina hingegen ist in der Kunstwelt entweder natürliche Alterung oder ihre sorgsame und dezente Verstärkung. Und genau hierfür ist dieser Porsche 356 B ein Paradebeispiel.

Jetzt müssen wir doch zurück an den Anfang der Story, zurück ins Jahr 1961, zurück zum 22. Februar, einem Mittwoch. Bundeskanzler Konrad Adenauer weilte zum Staatsbesuch in London, und in Hamburg fand die Deutschland-Premiere der Oper „Ein Sommernachtstraum“ statt. In Zuffenhausen aber verluden sie an diesem Tag bei Porsche einen elfenbeinfarbenen 356 mit der Karosserie- und Fahrgestellnummer 115254 und der Motornummer 88751 zur Auslieferung in die USA. Ziel: San Francisco im sonnigen Kalifornien. Der Empfänger war Porsche Car Pacific an der Burlway Road im Stadtteil Burlingame. Dort verblieb das Coupé mit dem Motortyp 616/2 bis zum 20. Mai 1961. Dann endlich durften seine Continental-Reifen amerikanischen Asphalt spüren. Denn an diesem Samstag holte der Erstbesitzer ihn nach Hause, in den Berrendo Drive in Sacramento im Stadtteil Arden Park Vista, auch heute noch ein Stadtteil der etwas besser Gestellten, etwas östlich des Zentrums, wo es mit Hauspreisen von etwa einer halben Million Dollar losgeht. Ruhige, geschwungene Straßen, ordentliche Vorgärten, Garagen – und ein sehr blechfreundliches Klima.

Viel ist über die weitere Geschichte leider nicht bekannt

Viel ist über die weitere Geschichte leider nicht bekannt, doch da der Wagen bis zuletzt sein „Black Plate” behielt, ist davon auszugehen, dass er tatsächlich nur in Kalifornien gelaufen ist. Zudem liegt der Schluss nahe, dass der Wagen immer gut gepflegt worden ist, denn wirklich fast jedes Detail, das die Kardexkarte aus dem Porsche-Archiv gelistet hat, fand sich auch im Fahrzeug wieder. Für das Getriebe gilt: matching numbers. Die rote Kunstleder-Ausstattung zeigte sich zwar verschlissen, doch immer noch an Bord, dasselbe galt für den Teppich. Nur das Herz des Boxers war gegen einen von der Nummer her nur wenig älteren 1600er Block ersetzt worden. Nobody is perfect. Oder doch?

Stephan hatte den Wagen 2014 bei einem Profi-Importeur erspäht. Der hatte ihn schon nach Deutschland geholt. „Es war schon irgendwie Liebe auf den ersten Blick”, erinnert sich Stephan. Das angeschmutzte Elfenbeinbeige hatte so was wie ein Wohlfühlambiente. So ein bisschen wie eine über die Jahre speckig gewordene Ledercouch, die man seit der Studentenzeit von Wohnung zu Wohnung mitschleppt, weil sie halt so saubequem ist.

„Es war schon irgendwie Liebe auf den ersten Blick”, erinnert sich Stephan Wilms


Und nun standen sie halt vor Stephans Errungenschaft. Christian, Dirk und Stephan selbst – und konnten es nicht fassen. Der einzige Rost rührte von einem irgendwann unsachgemäß angesezten Wagenheber her, der zudem einen Schweller leicht innen eingedrückt hatte. Das und noch minimalste Kleinigkeiten mussten geschweißt werden, was der befreundete Blech-Paganini Eike Dürhagen in Hohenlimburg erledigte. Und nun? Neu lackieren war schon schnell kein Thema mehr. Zumal Dirk zusicherte, er würde die Minimaleingriffe an der Karosserie farblich so angleichen, dass wirklich niemand mehr etwas davon ahnen würde. Stephans und Christians Vision sah so aus: Der kleine 356 sollte seine Renngene nach außen tragen. Lederriemen und Rallyestreifen, Startnummer und feine Vintage-Aufkleber sollten ihm den Charme eines alten Racers geben. Das würde perfekt passen zu den Minidellen und kleinen Kratzern, zu dem unperfekten Lüftungsgitter im Motordeckel, zum abgegriffenen Lenkrad. Das alles kombiniert mit perfekter Technik würde aus dem USA-Heimkehrer ein Showstück machen. Aber eines, das man auch ganz unbeschwert auf der Straße genießen kann.

Am „Triebwerk” -Team war es, den 356 zunächst auf Vordermann zu bringen. Gummis tauschen stand ganz oben auf der Liste. Mit sanfter Hand wurden außerdem Unterboden, Motorraum und Kofferraum eisgestrahlt. Unter den Hauben erhielt der Porsche eine Lackierung in seidenmatt Schwarz.

Der Motor des überholten 356


Das Getriebe musste überholt werden, der Motor präsentierte sich zwar als optische Graupe, doch technisch war er definitiv auf der Höhe. Alle Anbauteile wurden erneuert oder aufgearbeitet. Die Leistung blieb original, doch das Bordnetz funkt jetzt mit 12 Volt. Zudem installierten die Experten eine elektronische Zündanlage. Der Kabelbaum ist komplett neu, ebenso alle Bremsleitungen. Der kleine Porsche hat nun vorn und hinten Scheibenbremsen und außerdem ein Bilstein-Fahrwerk in der Abstimmung Sportlich/Straße. Bei der Innenraumgestaltung setzte sich Stephan durch: beigefarbenes Leder mit einem groben, an Sisal erinnernden Teppich anstatt Auslegeware in Anthrazit kombiniert mit rotem Kunstleder. Die Tecnomagnesio-Felgen fallen erst auf den zweiten Blick auf, denn sie wirken wie Stahlräder mit – wir ahnen es – Patina. Ihr puristischer Look ohne Radkappen unterstreicht den Race-Appeal. „Aber das Schönste ist, wenn man mit dem 356 unterwegs ist: Jeder schaut Dir nach und lächelt. Da ist kein Neid, nur Freude an diesem knuffigen Wagen”, resümiert Stephan. Stimmt: Irgendwie wirkt der 356 wie Herbies sportlicher Bruder. Vielleicht ist das sein Geheimnis.

Lange hat Stephan überlegt und sich nun doch entschieden: Der 356 wird verkauft – beziehungsweise: Er ist schon verkauft. „So einen kriege ich nie wieder”, bedauert er. Aber mindestens eine Fahrt darf er ja nun noch machen: vom Fototermin heim. Und er wird sie und die lächelnden Blicke genießen.

Info

Text erstmalig erschienen im Magazin Porsche Klassik "Sonderheft 70 Jahre Porsche Sportwagen".

Text: Thorsten Elbrigmann // Fotografie: Matthias Jung

Copyright: Alle in diesem Artikel veröffentlichten Bilder, Videos und Audio-Dateien unterliegen dem Copyright. Eine Reproduktion oder Wiedergabe des Ganzen oder von Teilen ist ohne die schriftliche Genehmigung der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG nicht gestattet. Bitte kontaktieren Sie newsroom@porsche.com für weitere Informationen.

Ähnliche Artikel

Meistgelesen

  1. Starkes Jahr für Porsche: aus der Pole-Position in die Elektromobilität
  2. Porsche präsentiert Cayenne Coupé
  3. Porsche Zentren erhalten weltweit neue Corporate Architecture
  4. Innovatives Leichtbau-Dach mit Coupé-Eigenschaften
  5. Super in Sebring: Porsche siegt auch im Zwölfstundenrennen
Social Media