Wir Menschen auf der einen Seite, unsere Dinge auf der anderen – das war die früher übliche Sicht unserer Beziehung zur Welt. Doch die Grenze zwischen Subjekt und Objekt löst sich auf. Was wir besitzen, womit wir umgehen, prägt unsere Identität. Wir finden uns in den Dingen, mit denen wir uns umgeben.

von Tobias Hürter

Nach der Linie ist die Darstellung von Farbflächen die zweitälteste künstlerische Technik. Die Metamorphosen der antiken Mythen wurden in Bildern auf Keramik visualisiert, mit Heroen als Figuren aus schwarzen oder roten Flächen. Anna Parinis komplexe Metaphern repräsentieren diese abendländische Tradition, die heute nur noch in der Form ironisch kommentierender Brechung angemessen wirkt: In der Gegenwart ist schon ein Held, wer die vordergründige Klarheit der Erscheinungen entlarvt und das vielschichtige Spiel der Mehrdeutigkeit durchschaut.

Stellen Sie sich einen Rennfahrer vor, der mit seinem brandneuen Wagen am Start steht inmitten perfekter Technik. Er streicht verliebt über das Multifunktionslenkrad, wirft einen letzten Blick auf die verwirrende Anzahl von Knöpfen und Schaltern, die er bedienen kann, ohne die Hände vom Lenkrad zu nehmen. Er lauscht dem pulsierenden Dröhnen des Motors, wartet auf den Kick. Kann er das Rennen gewinnen? Eher nicht. Neben ihm in der Startreihe steht sein Kontrahent, den Blick ruhig und fest auf die Strecke gerichtet. Seinen Wagen nimmt er nicht wahr. Er bildet eine perfekte Einheit mit ihm. Während der eine am Lenkrad dreht, seinen Fuß aufs Gaspedal drückt und die Kraft seiner Maschine in der Magengrube spürt, beschleunigt der andere einfach, jagt an der Spitze des Feldes dahin.

In diesem fiktiven Rennen treten nicht nur zwei Fahrer gegeneinander an, sondern zwei grundverschiedene Haltungen eines Menschen zu seinen Dingen. Der eine ist fasziniert von seinem Wagen. Der andere verschmilzt damit. Warum hat dieser größere Chancen, das Rennen zu gewinnen?

Dahinter steckt ein philosophisches Rätsel: Was ist das für eine Beziehung zwischen uns und den Dingen um uns herum? Seit 2.500 Jahren denken Philosophen darüber nach – und sie haben währenddessen einiges Licht in dieses Rätsel gebracht. Ihre neuen und alten Antworten sind für Hersteller technischer Produkte von großer Bedeutung.

Wie fast alles in der abendländischen Philosophie beginnt diese Geschichte bei Platon, der im 4. Jahrhundert vor Christus in Athen lebte. Platon hatte keine hohe Meinung von den materiellen Dingen. Er hielt sie für einen müden Abklatsch des Wahren, Schönen und Guten. Seiner Überzeugung nach steckt in jedem Menschen eine immaterielle, unsterbliche Seele, gefangen in einem sterblichen Körper. Höchstes Ziel des Menschen sei es, sich aus diesem Gefängnis zu befreien und in ein perfektes, ewiges „Reich der Ideen“ aufzusteigen. So dachte Platon sich das Paradies.

Mit seiner Geringschätzung der Dinge setzte Platon den Ton für die nächsten Jahrtausende. Philosophen der Antike, des Mittelalters, der Renaissance und Neuzeit sowie der frühen Moderne waren es gewohnt, der Außenwelt mit grundsätzlichem Misstrauen zu begegnen. So wurde die Trennung zwischen Mensch und Ding zum festen Bestandteil unserer Kultur.

Besonders deutlich wird diese Haltung in der Philosophie von René Descartes (1596 –1650). Der Begründer der modernen Philosophie stellte sich den Menschen als ein denkendes Wesen vor, das von seinem Posten im Schädelinneren hinaus in die Welt schaut und lauscht. Noch weiter ging der irische Bischof George Berkeley (1685 –1753), der die Existenz des Materiellen rundweg leugnete. „Sein ist Wahrgenommenwerden“, erklärte er. Alles, was es gibt, ist also Geistiges. Immer tiefer verstiegen die Philosophen sich in ihre Weltfremdheit.

Erst die Philosophen des 20. Jahrhunderts brachten den Mut auf, das Verhältnis von Menschen und Dingen neu zu überdenken. Die Existenzialisten, unter ihnen der Franzose Jean-Paul Sartre (1905 –1980) und der Deutsche Karl Jaspers (1883 –1969), kritisierten die Vorstellung, wir würden uns vom sicheren Boden unseres Denkens aus Stück für Stück in die Welt vorarbeiten. Es gehe nicht darum, das Getümmel aus sicherer Vogelperspektive zu betrachten. Es geht darum, sich beherzt mitten hineinzustürzen – auf der Suche nach Halt, auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt.

Wie genau geht das, heimisch werden in der Welt? Eine berühmte Illustration gab der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889 –1976) in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“. Wenn ein guter Zimmermann mit seinem Hammer arbeitet, dann vergisst er den Hammer. Vielleicht achtet er auf die Nägel. Vielleicht auch nicht. Er verliert sich ganz in seinem Tun, verschmilzt geradezu mit seinen Werkzeugen. Nur wenn etwas schiefgeht, wenn der Schaft des Hammers bricht, ein Nagel knickt oder der Zimmermann sich auf den Daumen haut, wird er sich der Situation und der Werkzeuge bewusst. Dann mag er über das Holz des Schaftes nachdenken, das Gewicht des Hammerkopfs abschätzen. „Je weniger das Hammerding nur begafft wird, je zugreifender es gebraucht wird, um so ursprünglicher wird das Verhältnis zu ihm“, schrieb Heidegger. Philosophen mögen es gewohnt sein, über die Dinge nachzudenken. Doch wer zu viel über eine Beziehung grübelt, tötet sie. Kein Wunder, dass so wenige Philosophen erfolgreiche Rennfahrer sind.


Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass diese Dinge die Identität der Menschen bestimmen, denen sie gehören. Platon und Descartes konnten noch behaupten, dass es die immaterielle Seele ist, die einen Menschen ausmacht. Doch an solch einen inneren Wesenskern im Menschen glaubt heute kaum noch jemand. Die Identität eines Menschen steckt nicht in ihm, sie definiert sich in seinen Beziehungen nach außen, zu anderen Menschen, zu seinem Körper – und zu den Dingen um ihn herum.


Es ist paradox: Je deutlicher ein Mensch sich eines Dinges bewusst ist, desto  fremder wird es ihm. Aber Bewusstsein schafft nun mal Distanz, und Distanz ist keine geeignete Grundlage für eine gute Beziehung. Ein echter Münchner wird nicht dauernd über seine Stadt sinnieren, so wenig wie ein Fisch über das Wasser. Er lebt dort einfach, er geht in der Stadt auf. Ein guter Tennisspieler wird nicht über seinen Schläger staunen, sondern mit ihm „verwachsen“ und ihn gebrauchen wie einen Teil seines Körpers. Der Schläger ist kein bloßes Accessoire des Tennisspielers – er macht ihn erst zum Tennisspieler.

Der ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi, der an der Claremont Graduate University in Kalifornien lehrt, erzählt in seinem Essay „Why We Need Things“ (Warum wir Dinge brauchen) von einem reichen Anwalt, den er einmal besuchte. Das Haus dieses Anwalts war vollgestopft mit erlesenen Kunstwerken und teuren Möbeln. Csíkszentmihályi fragte ihn, welches Objekt ihm das liebste sei. Der Anwalt führte den Psychologen vorbei an all diesen teuren Schätzen hinunter in den Keller, wo er einen Koffer öffnete, in dem eine alte Posaune lag. Es war das Instrument, das er zu Studentenzeiten spielte, als sich sein Leben noch frisch und spontan anfühlte. Wenn ihm heute die Last seiner Sorgen allzu schwer wird, geht er hinunter in den Keller, spielt ein paar Takte und spürt jenen Teil von sich, der sonst schweigen muss. Die Objekte seiner wertvollen Sammlung sind Insignien seines Reichtums und seiner Erfolge. „Aber das bedeutendste Symbol seines geheimen Selbst war die Posaune“, schreibt Csíkszentmihályi, „sie allein hat die Kraft, ihn wieder in Kontakt mit sich selbst zu bringen.“

Wohl jeder Mensch wird es an sich selbst bestätigen können: Es gibt Gegenstände, an denen er tatsächlich „hängt“ und die man kennen muss, um diesen Menschen zu verstehen. Vielleicht ist es ein Buch, das ihm die Augen geöffnet hat, vielleicht der Garten, in dem er sich verliert, vielleicht sein liebstes Sportgerät.

Für die meisten Menschen ist ihre Wohnung nicht nur der Ort, an dem sie es warm, trocken und ruhig haben, sie ist auch Fixpunkt ihrer Existenz und Spiegel ihrer Lebensform und Biografie – der Ort, wo sie „hingehören“. Wer seine Wohnung verliert, fühlt sich buchstäblich entwurzelt.

Man könnte diesen Dingen vielleicht etwas abschätzig einen „sentimentalen Wert“ zusprechen, aber das würde ihnen nicht gerecht. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass diese Dinge die Identität der Menschen bestimmen, denen sie gehören. Platon und Descartes konnten noch behaupten, dass es die immaterielle Seele ist, die einen Menschen ausmacht. Doch an solch einen inneren Wesenskern im Menschen glaubt heute kaum noch jemand. Die Identität eines Menschen steckt nicht in ihm, sie definiert sich in seinen Beziehungen nach außen, zu anderen Menschen, zu seinem Körper – und zu den Dingen um ihn herum.

Manche Philosophen von heute gehen so weit, die Dinge, die uns besonders nah sind, buchstäblich als Teile von uns zu betrachten. So vertreten der australische Philosoph David Chalmers und der amerikanische Kognitionswissenschaftler Alva Noë die These vom „erweiterten Geist“:  Manche Prozesse, von denen wir gewohnt sind, sie im Kopf von Menschen zu lokalisieren, erstrecken sich tatsächlich über die Körpergrenzen hinaus auf die Dinge um uns in der Welt. Wenn zum Beispiel jemand mittels eines Tagebuchs über sich und seine Erlebnisse reflektiert, dann dokumentiert das Tagebuch nicht nur sein Nachdenken über sich, sondern es gehört zu diesem Nachdenken. Wenn ein vergesslicher Mensch alle seine Termine in seinem Smartphone notiert und sich von ihm an sie erinnern lässt, dann macht er das Gerät zu einem Teil seines Gedächtnisses. Wenn er sich von Google Maps durch eine Stadt führen lässt, dann hilft das Programm ihm nicht nur bei der Wegführung – es ist sein Orientierungssinn. Die Software-Routinen des Smartphones übernehmen Aufgaben, die früher von den neuronalen Verschaltungen seines Gehirns erledigt wurden. Sie planen für ihn, entscheiden für ihn, steuern seine Absichten und Vorlieben (zum Beispiel wenn sie ihm Restaurants in der Nähe vorschlagen). Ganz ohne Neuroimplantate und Gehirn-Computer-Schnittstellen gehen sie in sein Denken, Wollen und Wahrnehmen ein.


Technische und ästhetische Perfektion ist ein ehrenwertes Ziel. Wer seine Produkte bei den Käufern als Statussymbole etabliert, hat viel erreicht. Die höchste Kunst jedoch liegt darin, seine Produkte so zu konzipieren, dass die Käufer sie nicht nur als Kennzeichen ihrer Identität betrachten, sondern als Teil ihrer Identität.


Dass manche Dinge, mit denen Menschen sich umgeben, ihre Identität  bestimmen, zeigt sich schon darin, dass wir es gewohnt sind, die großen Abschnitte der Geschichte nach den Gegenständen zu benennen, welche die in ihnen lebenden Menschen benutzten. Das Paläolithikum hat seinen Namen von den einfachen Steinwerkzeugen, welche die Menschen damals herstellten, im Neolithikum waren diese Klingen und Keile schon ausgetüftelter. Die Bronze- und die Eisenzeit sind von den Fortschritten in der Metallverarbeitung definiert, die industrielle Revolution und das Digitalzeitalter von der Dampfmaschine und dem Computer. Und jedes Mal veränderten sich nicht nur die Werkzeuge, sondern die Werkzeuge veränderten auch die Menschen. Kommunikation und soziale Beziehungen sind im Internet etwas ganz anderes als im Clan eines Jägers in der Steinzeit. Besitz kann heute bedeuten, eine App oder ein digitales Musikstück zu kaufen – eine abstrakte Datensequenz. Viele Menschen sind heute in der digitalen Welt beinah so zu Hause wie in der analogen. Sie arbeiten dort, gehen dort einkaufen, sie spielen und vergnügen sich, sie lernen Leute kennen, denen sie sonst niemals begegnen würden. Sein Facebook-Avatar kann ein wesentlicher Teil der Identität eines Menschen sein.

„Wir wissen, wer wir sind, wenn wir betrachten, was wir besitzen“, sagte der französische Existenzialist Jean-Paul Sartre. In unserer Zeit des materiellen Überflusses entsteht die Gefahr, dabei den Überblick zu verlieren – sich selbst zu verlieren in den 10.000 Gegenständen, die ein Europäer heute im Durchschnitt anhäuft. Doch der Ausweg liegt nicht darin, zu Platon zurückzukehren und sich wieder von allem Materiellen abzuwenden. Der Ausweg liegt darin, sich wieder jenen Dingen zuzuwenden, in denen man sich wirklich findet, und die Beziehung zu ihnen zu kultivieren – wie Csíkszentmihályis Anwalt und seine Posaune. Alles andere ist Schmuckwerk, hübsch vielleicht, aber verzichtbar.

Es ist der Traum jedes Herstellers: Seine Produkte finden in eine so enge Beziehung zu den Käufern, dass sie Teil ihrer Identität werden. Fast alle besonders erfolgreichen Produkte beruhen eben darauf. Apples iPhone zum Beispiel schaffte es nicht nur deshalb in die Taschen so vieler Menschen, weil es ein technisches Meisterwerk ist, sondern vor allem weil es in den Händen der Nutzer sozusagen verschwindet – wie der Hammer in der Hand des Zimmermanns. Es ist eine fast fugenlose Erweiterung unseres Denkens, Sprechens und Wahrnehmens. Es bedient sich wie von allein – wie ein Sinnesorgan für die digitale Welt.

Technische und ästhetische Perfektion ist ein ehrenwertes Ziel. Wer seine  Produkte bei den Käufern als Statussymbole etabliert, hat viel erreicht. Die höchste Kunst jedoch liegt darin, seine Produkte so zu konzipieren, dass die Käufer sie nicht nur als Kennzeichen ihrer Identität betrachten, sondern als Teil ihrer Identität. So ist ein perfekter Sportwagen nicht nur geeignet, Bewunderung zu wecken. Er ist auch darauf ausgelegt, in manchen Momenten mit dem Fahrer zu „verschmelzen“ – und auch dabei, wie zwischen dem iPhone und seinem Nutzer, öffnen digitale Technologien heute völlig neue Möglichkeiten, ein „Nervensystem“ zwischen dem Fahrer und seinem Fahrzeug zu knüpfen. Ganz im Sinn der These vom „erweiterten Geist“ werden beide buchstäblich eins. Der Fahrer erlebt sich nicht nur als Bediener einer starken Maschine, er fühlt die Kraft der Maschine wie seine eigene – wie ein Läufer in Bestform seine Beine. Er steuert den Wagen nicht über die Straße, er fliegt mit ihm durch die Kurven. Er fährt nicht nur ein schnelles Auto, er wird zum Sieger.

 

Tobias Hürter hat Philosophie und Mathematik in München und Berkeley studiert. Er war Redakteur bei der ZEIT und ist Mitgründer des Philosophiemagazins HOHE LUFT.

Anna Parini ist eine 1984 in Mailand geborene Illustratorin. Sie lebt und arbeitet derzeit in Barcelona. Einige ihrer Kunden sind The New York Times, The New Yorker, The Washington Post, Google, Save the Children. Ihr Werk wurde von der Society of Illustrators, Communication Arts, American Illustration und der Society for News Design beachtet und ausgestellt.