Seit 40 Jahren steht das Nardò Technical Center (NTC) der Automobilindustrie für Test­ und Erprobungszwecke zur Verfügung und präsentiert sich heute frischer und innovativer denn je. Inwieweit das mit der Übernahme durch Porsche in 2012 in Zusammenhang steht oder schlicht der Tradition dieses Testgeländes entspricht, erläutern Francesco Nobile, Edmund Sander und Malte Radmann.

Francesco Nobile

Er kennt das Nardò Technical Center ganz genau und weiß um seine Besonderheiten: Seit 2007 leitet Francesco Nobile das Testgelände und ist heute Vorsitzender der Geschäftsführung und zuständig für die kaufmännischen Bereiche.

Edmund Sander

Nach langjähriger Tätigkeit als Leiter des Fachbereichs Antrieb bei Porsche Engineering in Deutschland hat Edmund Sander im Jahr 2013 die Position des technischen Geschäftsführers des Nardò Technical Centers übernommen.

Malte Radmann

Seit Porsche das Nardò Technical Center im Jahr 2012 übernommen hat, wird es von Porsche Engineering betrieben. Malte Radmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Porsche Engineering, begleitet die Übernahme, Integration und Weiterentwicklung des Testgeländes seit der ersten Sekunde.

Das Nardò Technical Center zählt zu den wichtigsten und bekanntesten Testzentren der Welt. Was macht es Ihrer Meinung nach so besonders?

Malte Radmann: Das Hauptmerkmal des Testzentrums ist seit jeher der Rundkurs. Vor 40 Jahren eine Teststrecke mit diesem Ausmaß zu bauen, war außergewöhnlich. Umso beeindruckender ist es, dass diese Hochleistungsstrecke mit ihrer Größe und dem speziellen Querschnitt bis heute einzigartig geblieben ist. Das Testzentrum hat sich über die Jahre hinweg kontinuierlich weiterentwickelt und bewegte sich stets am Puls der Zeit. Bis heute gelingt es dem Nardò Technical Center, den unterschiedlichsten und hoch anspruchsvollen Kundenbedürfnissen gerecht zu werden.

Francesco Nobile: Das Nardò Technical Center hat sich immer als enger Partner von Automobilherstellern in der Fahrzeugentwicklung gesehen. In den letzten 40 Jahren hat sich die Automobilbranche rasant weiterentwickelt. Wir haben die Veränderungen „live“ miterlebt und uns kontinuierlich an neue Gegebenheiten und Anforderungen angepasst. Um zu den innovativen Entwicklungen in der Fahrzeugerprobung einen bedeutenden Teil beitragen zu können, reicht es jedoch nicht aus, nur „auf Stand“ zu sein. Aufgrund der Dynamik der Branche gilt es heute schon, an morgen und übermorgen zu denken. Das ist auch weiterhin unser Ansatz.

Wo sehen Sie die zukünftigen Herausforderungen in der Fahrzeugerprobung? Und wie rüstet sich das Nardò Technical Center für die Zukunft?

Edmund Sander: Themen, die uns in den kommenden Jahren sicherlich sehr beschäftigen werden, sind die Erprobung von Fahrerassistenzsystemen und autonomes Fahren. Hier schreitet die Ent­ wicklung mit großen Schritten voran. Konzepte zur Weiterentwicklung der Testeinrichtungen sowie der Kompetenz­ ausbau in diesem Bereich sind bei uns bereits in Arbeit. Außerdem entwickeln wir unser Serviceangebot kontinuierlich weiter.

Edmund Sander, Francesco Nobile, Malte Radmann, l.-r., 2015, Porsche AG

Auch in den klassischen Entwicklungsbereichen wie Fahrwerksabstimmung, Bremserprobung und Antriebsstrangapplikation bereiten wir uns durch geplante Streckenerweiterungen und die laufenden Renovierungs­ und Ausbaumaßnahmen der bestehenden Strecken und Einrichtungen auf neue Herausforderungen vor. Ziel ist es, die komplette Prozesskette „Erprobung als Engineeringdienstleistung“ auf höchstem Niveau anzubieten.

Radmann: … dieses vollumfängliche Serviceangebot wird von Kunden mehr und mehr erwartet. Zusammen mit Porsche Engineering als Entwicklungsdienstleister ist es möglich, für den Kunden die Durchführung von Erprobungsumfängen ganzheitlich zu übernehmen und diese nach deren Anforderungen und gemäß höchsten Standards durchzuführen. Das geschützte Gelände des NTC ist in diesem Prozess der ideale Ort, Funktionen vom Rechner auf die Strecke und in die Realität zu überführen.

Welche Vorteile ergeben sich für die Kunden durch die Zugehörigkeit des NTC zu Porsche?

Sander: Das Nardò Technical Center ist direkt an einen Automobilhersteller angebunden und verfügt damit über ein verbessertes Verständnis für Entwicklungsprozesse im Ganzen sowie die Anforderungen, die damit einhergehen. Die Kunden nehmen dies deutlich wahr.

Radmann: Besonders sichtbar sind die Weiterentwicklungen des Geländes. Aktuell ist die Neuasphaltierung des Rundkurses sowie von weiteren Strecken im Gange. Die laufenden Ausbau­ und Renovierungsarbeiten verdeutlichen, dass wir uns nicht mit „gut“ zufriedengeben, sondern wie Herr Nobile bereits zu Beginn gesagt hat, heute bereits an übermorgen denken, um bestmögliche Erprobungsbedingungen anbieten zu können.

Nobile: … und bei allen Veränderungen möchte ich an dieser Stelle betonen, dass sich eines nicht verändert hat: die Kundenvielfalt. Nach wie vor steht das Nardò Technical Center allen Kunden offen und ist ein wichtiger Partner für die gesamte Fahrzeugindustrie.

Inwiefern spüren die Mitarbeiter und die Bevölkerung rund um Nardò diese Veränderungen?

Nobile: In erster Linie besteht die Chance auf neue Arbeitsplätze, und für die Mitarbeiter gewinnt das Nardò Technical Center als Arbeitgeber deutlich an Attraktivität, da sich durch die Konzernzugehörigkeit auch neue Weiterentwicklungsmöglichkeiten auftun können.

Sander: Darüber hinaus sind wir bereits in Kontakt mit der Universität in Lecce als möglichem zukünftigem Kooperationspartner. Wo immer möglich, versuchen wir die Region und die Bevölkerung in ihren Belangen zu unterstützen. So geschehen auch die Aus­ und Umbaumaßnahmen des Geländes in Vereinbarkeit mit der hiesigen, wunder­ schönen Natur.

Welche Rolle spielen die regionalen Bedingungen für die Leistungen des Nardò Technical Centers?

Nobile: Die regionalen Bedingungen – insbesondere das Klima – sind eine Besonderheit und machen uns einzigartig. Kaum ein anderes Testgelände bietet die Möglichkeit, an nahezu 365 Tagen im Jahr testen und erproben zu können. Auch die Strecken außerhalb des Testgeländes bieten sich für zusätzliche Überlandfahrten sehr gut an.

Sander: Nicht zu vergessen sind die Warmherzigkeit und die italienische Lebensweise. Viele langjährige Kunden schätzen die familiäre Atmosphäre, die hier vorherrscht.

Nobile: Das stimmt. Bei uns trifft deutsche Präzision auf italienische Offenheit und Warmherzigkeit. Und spätestens beim ersten italienischen Abendessen nach einem harten und erfolgreichen Erprobungstag planen die Kunden oft ihren nächsten Besuch bei uns!

Info

Text erstmals erschienen im Porsche Engineering Magazin, Ausgabe 01/2015

Interview: Katharina Hug // Fotografie: Davide Faggiano

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