28.12.2016

Technologie, Zukunft, Tradition

Michael Steiner, Entwicklungsvorstand der Porsche AG, und Malte Radmann, Geschäftsführer von Porsche Engineering, über die Zukunft der Sportwagenentwicklung, innovative Ingenieurdienstleistungen und die Porsche-Kundenentwicklung.

Herr Steiner, wie begegnet Porsche den aktuellen Trends wie etwa autonomes Fahren oder Connectivity?

Michael Steiner: Innovationen spielen für Porsche seit Anbeginn eine fundamentale Rolle, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Nur damit können wir Kunden begeistern. Elektrifizierung, Digitalisierung und Konnektivität stellen die Automobilbranche vor neue Herausforderungen. Daher arbeiten wir seit jeher kontinuierlich an der Zukunft, um diesen und weiteren Herausforderungen erfolgreich zu begegnen.

Wie genau sehen Porsche-Lösungen für die genannten Zukunftsthemen heute aus?

Michael Steiner: Schon der neue Panamera macht deutlich, wie es uns gelingt, traditionelle Porsche-Gene mit den zukunftsweisenden Technologien zu verbinden, um ein neues Gefühl der Mobilität zu ermöglichen. Durch die Vielzahl von Kommunikations-, Komfort- und Assistenzsystemen, die im Panamera integriert sind, verändert dieses Fahrzeug schon heute die Mobilität. Mit dem Porsche InnoDrive wurde beispielsweise ein elektronischer Co-Pilot entwickelt, welcher bei Bedarf zugeschaltet werden kann, um die Fahreffizienz zu erhöhen. Insgesamt nutzen wir ein breites Spektrum an Fahrassistenzsystemen dazu, ein neues Mobilitätserlebnis zu schaffen, behalten dabei jedoch stets den menschlichen Fahrer im Fokus.

Wo wird diese Reise bei Porsche hinführen?

Michael Steiner: Konnektivität und Fahrerassistenzsysteme mit der Tendenz hin zum pilotierten Fahren sind auch für uns spannend. Nicht weil wir von einem fahrerlosen Auto träumen, sondern weil wir sehr wohl wissen, dass unsere Kunden auch mit einem Porsche mal im Stau stehen. In solchen Situationen wollen wir sie entlasten. Einen weiteren Komfortvorteil bietet das automatisierte Einparken. Aber sobald die Bahn wieder frei ist oder sich zum Beispiel eine Landstraße anbietet, auf der der Kunde selbst das Lenkrad in die Hand nehmen möchte, werden wir es unseren Kunden ermöglichen, den Fahrspaß wieder zu genießen. Und auch die Konnektivität bietet viele Möglichkeiten: Online-Updates für erweiterte Funktionen etwa, aber auch die Verknüpfung der Intelligenz der Fahrzeugsensorik mit Schwarminformationen. Was man daraus machen kann, was unsere Fahrzeuge möglicherweise noch sportlicher macht: Da haben wir gute Ideen und werden einige Überraschungen liefern.

Herr Radmann, welche Auswirkungen haben diese Trends auf die Porsche-Kundenentwicklung?

Malte Radmann: Als Entwicklungsdienstleister müssen wir Trends frühzeitig wahrnehmen und diesen möglichst immer einen Schritt voraus sein, um stets die passenden Lösungen anbieten zu können. Der Blick für Branchen- und Marktveränderungen ist essenziell. Ein Entwicklungsdienstleister muss besonders flexibel und agil handeln können, um wettbewerbsfähig zu sein. So haben wir einhergehend mit den vorherrschenden Trends und Marktentwicklungen unsere Strategie weiterentwickelt. Wir fokussieren uns dabei auf drei strategische Geschäftsfelder, die unser Geschäft in Zukunft prägen werden: Derivat- und Systementwicklung, Testing und Digitalisierung.

Womit beschäftigen Sie sich dabei im Einzelnen?

Malte Radmann: Im Rahmen der Derivat- und Systementwicklung treiben wir die klassischen Themen der Fahrzeugentwicklung weiter voran und ergänzen sie unter anderem um aktuelle Trends im Bereich virtueller Methoden. Unter dem Bereich Testing verstehen wir neue Methoden des virtuellen Testings, aber natürlich auch die klassische Erprobung von sämtlichen vom Kunden entwickelten Fahrzeugen, Systemen, Bauteilen oder Konzepten. Das Geschäftsfeld Digitalisierung umfasst Themen der digitalen Transformation im Fahrzeug und fahrzeugnahen Umfeld. Mit der Gründung unserer Tochtergesellschaft für Digitalisierung in Cluj-Napoca im vergangenen Jahr stellen wir sicher, im sogenannten europäischen Silicon Valley direkt am Puls der Zeit zu sein und an den neuesten Entwicklungen dieses Themenfelds teilzuhaben.

Michael Steiner: Gemeinsam mit der Porsche Digital GmbH, die wir im Frühjahr 2016 gegründet haben, wird die Tochtergesellschaft in Cluj eine wichtige Rolle bei der digitalen Transformation in der Automobilentwicklung spielen.

Malte Radmann, Geschäftsführer von Porsche Engineering

Welche Rolle wird das Testgelände in Nardò für die Erprobung zukünftiger Fahrzeugkonzepte spielen?

Malte Radmann: Nardò hat eine strategische Funktion inne. Das Prüf- und Testgelände ist zu einem integralen Bestandteil des Porsche Konzerns geworden und gleichzeitig ist es weiterhin für die gesamte Automobilindustrie als Ressource von Bedeutung. Im Fokus steht zukünftig die Weiterentwicklung von Nardò als exzellentes Testzentrum für Digitalisierung, teil und vollautonomes Fahren, ohne dabei die klassische Fahrzeugerprobung aus dem Blick zu verlieren. Jedoch steht Testing für uns bei Weitem nicht nur für das Gelände in Nardò: Testing und Erprobung beginnen bei einzelnen kleinen Komponenten und müssen bereits in frühen Entwicklungsstadien erfolgen, insbesondere auf virtueller Ebene. Neben den relevanten technischen Ressourcen – u. a. im Porsche Entwicklungszentrum Weissach – verfügen wir über erfahrene Mitarbeiter mit den entsprechenden Kompetenzen und können somit umfassende Hardware- und Software-in-the-Loop-Lösungen anbieten.

Die Zukunft der Fahrzeugtechnik beginnt oft auf der Rennstrecke. Welchen Einfluss hat der Motorsport auf die Serienentwicklung bei Porsche?

Michael Steiner: Im Motorsport werden neueste Technologien entwickelt und unter extremen Bedingungen getestet. Hierbei erlangen wir wichtige Erkenntnisse, die in die Serienentwicklung einfließen. So sind die 24 Stunden von Le Mans beispielsweise ein außerordentlicher Härtetest für Hochleistungs-Lithium-Ionen-Batterien und weitere Komponenten. Die Erfahrungen, die wir hier sammeln, sind beispielsweise für die Weiterentwicklung der Elektromobilität enorm wichtig. 

Malte Radmann: Wir sind besonders stolz darauf, im Rahmen der Batterieentwicklung für den Porsche 919 Hybrid so intensiv am LMP1-Projekt beteiligt gewesen zu sein, von der mechanischen Struktur über die komplette Systemsteuerung bis hin zum Testing. Wir schätzen das Vertrauen, das uns unsere Muttergesellschaft damit entgegengebracht hat, ganz besonders.

Welche Rolle wird die Kundenentwicklung für Porsche in Zukunft spielen?

Michael Steiner: Porsche und die Kundenentwicklung sind seit jeher untrennbar miteinander verbunden. In der Kundenentwicklung liegt der Ursprung von Porsche. Mit der Gründung seines Konstruktionsbüros startete Ferdinand Porsche im Jahr 1931 in die berufliche Selbstständigkeit – mit Entwicklungsdienstleistungen rund um die Kraftfahrzeugtechnik. Für Porsche stellen die Entwickler von Porsche Engineering heute und auch in Zukunft eine wichtige interne Kompetenzressource dar, die durch Erfahrungen aus beispielsweise branchenfremden Projekten häufig eine differenzierte Sicht auf bestimmte Dinge haben und somit wertvolles Querdenken in Entwicklungs- oder Lösungsfindungsprozesse einbringen können.

Malte Radmann: Gleichzeitig verfolgen wir weiterhin mit großer Leidenschaft die Projekte für unsere Kunden der weltweiten Automobilindustrie. Das externe Kundengeschäft ist und bleibt fest im Markenkern von Porsche verankert.

Herr Steiner, Sie waren selbst von 2002 bis 2005 Generalbevollmächtigter der Kundenentwicklung bei Porsche Engineering. Welche Erfahrungen haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Michael Steiner: Besonders beeindruckend finde ich nach wie vor die Vielfalt der technischen Anforderungen, die über die Kundenentwicklung an Porsche herangetragen werden – seien sie aus der automobilen Welt oder aus anderen technischen Bereichen weltweit. Diese Projekte werden von einer hoch motivierten Mannschaft bearbeitet, die sich schnell auf technische Veränderungen und unterschiedlichste Kundenanforderungen einstellt. Ein Unternehmen muss stets ausreichend breit und flexibel aufgestellt sein, um genau dort Kompetenzen zu zeigen, wo die Kunden Unterstützung und Erfahrung benötigen. Diese Flexibilität und die gezielte Kompetenzdefinition stellen sicher, dass wir vor Marktschwankungen gewappnet sind und immer die richtige Lösung für die Kunden parat haben.

Gibt es ein Projekt aus dieser Zeit, das Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist?

Michael Steiner: Während der Zeit bei Porsche Engineering durfte ich meine ersten großen China-Erfahrungen sammeln. Projekte für den chinesischen Markt mit ganz eigenen Anforderungen und ihren internationalen beziehungsweise interkulturellen Herausforderungen waren besonders spannend für mich. Ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit zurück.

Michael Steiner

Michael Steiner (52) studierte Maschinenwesen an der Technischen Universität München. Nach mehreren Jahren in leitenden Funktionen bei der Daimler AG kam Michael Steiner 2002 zu Porsche. Hier übernahm er die Leitung Innovationen und Konzepte, verantwortete die Baureihe Panamera und war Leiter Entwicklung Gesamtfahrzeug/Qualität. Im Zeitraum von 2002 bis 2005 war er parallel Generalbevollmächtigter der Kundenentwicklung von Porsche. 2016 wurde Michael Steiner zum Vorstand für Forschung und Entwicklung der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG sowie zum Vorsitzenden des Gesellschafterausschusses von Porsche Engineering berufen.

Malte Radmann

Nach seiner Ausbildung war Malte Radmann (63) in leitenden Vertriebsfunktionen für Daimler- Benz Aerospace Dornier sowie für Zung Fu, eine Mercedes-Benz-Vertretung in Hongkong und China, tätig. 1996 kam Malte Radmann zu Porsche in der Funktion als Vertriebsleiter für die Märkte Asien/Europa/USA der Porsche-Kundenentwicklung. Im Jahr 2005 wurde er stellvertretender Generalbevollmächtigter der Porsche Engineering Group GmbH/Porsche Engineering Services GmbH, 2009 ist er zum Vorsitzenden der Geschäftsführung ernannt worden.

Info

Text erstmalig erschienen im Porsche Engineering Magazin 2/2016

Interview: Frederic Damköhler // Fotos: Victor Jon Goico

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