Neu und doch bekannt

Digitale Lösungen für das Fahrzeug der Zukunft: Zwei Experten geben Einblicke in den Neuigkeitsgrad digitaler Technologien in der Automobilentwicklung, erweiterte Funktionen für ein optimales Kundenerlebnis und die digitale Porsche-Produktwelt.

Die Digitalisierung ist in aller Munde – was verstehen Sie darunter?

Dr. Rolf Zöller: Digitalisierung ist im Fahrzeug längst Alltag, schon seit den Neunzigerjahren. Heute sind fast ausschließlich digital rechnende und vernetzte Systeme an Bord. Neu ist, dass sich das Fahrzeug nun auch mit der Außenwelt verbindet. Das ist die Digitalisierung, von der heutzutage häufig gesprochen wird und die der Kunde erlebt. Unser Ziel ist es, den Kunden in seinem digitalen Lebensstil abzuholen, mitzunehmen und einen sinnvollen Beitrag durch unser Produkt zu leisten.

Joachim Bischoff: Im Kern ist die heutige Digitalisierung davon gekennzeichnet, dass Übertragungsraten sowie Rechenleistungen massiv zunehmen, Speicherkapazitäten immer größer und Chips immer kleiner werden. Sie ermöglichen erst die Dienste, die wir unter Digitalisierung verstehen.

Betrifft die Digitalisierung dann nur die Wahrnehmung durch den Kunden?

Dr. Zöller: Neben der vom Kunden wahrgenommenen Digitalisierung existieren auch grundlegende Einflüsse auf unser Unternehmen und unsere Prozesse. Wir müssen die Digitalisierung in unseren Entwicklungsprozessen beherzigen und uns mehr an der Softwareindustrie orientieren, wir müssen unsere Geschwindigkeiten anpassen und wir müssen weiterdenken – über das bisherige Fahrzeug hinaus. Daraus ergibt sich dann das vom Kunden wahrgenommene digitale Gesamterlebnis.

Bischoff: Genau diese beiden internen und externen Komponenten sind essenziell für den zukünftigen Erfolg: digitale interne Prozesse, die eine einzigartige externe Customer User Experience ermöglichen.

Wie gut ist die Fahrzeugindustrie auf diese Veränderungen vorbereitet?

Dr. Zöller: Tatsächlich ist die Branche besser auf die Situation eingestellt als üblicherweise angenommen oder teilweise auch in den Medien kommuniziert wird. Die Fahrzeugentwicklung bedient sich schon lange unterschiedlichster digitaler Prozesse, denkt man nur einmal an die numerische Simulation. Unter dem Blech und in der Entwicklung ist das Fahrzeug schon längst digital, das wird aber vom Kunden nicht immer als Digitalisierung wahrgenommen.

Bischoff: Die Komplexität, die man seit bereits etwa zehn Jahren im Fahrzeug findet, ist enorm. Beispiel Multimediasystem. Hier haben wir schon lange die Vernetzung verschiedener Funktionen vorliegen. Hinzu kommt die Fähigkeit, solche komplexen Systeme in die Fahrzeugumgebung zu integrieren, in der auch Fahrzeugfunktionen wie eine Antriebssteuerung vorhanden sind. Da kann man sich also die Frage stellen: Tut sich ein Softwareunternehmen wohl leichter, ein Auto zu bauen, oder ein Automobilhersteller, Software zu entwickeln?

Dr. Zöller: Wirklich neu ist, dass wir über das Fahrzeug hinaus agieren, dass wir mit anderen Playern konkurrieren und neuen Anforderungen gerecht werden müssen. Früher bestand der Wettbewerb aus anderen Fahrzeugherstellern. Heute kann der Konkurrent ein IT-Unternehmen sein und die Kunden werden Funktionen im Fahrzeug erwarten, die ein Start-up innerhalb kürzester Zeit auf den Markt gebracht hat.

Inwieweit verändert die Digitalisierung die traditionellen Geschäftsmodelle von OEMs?

Dr. Zöller: Sie werden sich ganz gravierend ändern. Sogenannte Enabler ermöglichen eine neue Produktsubstanz inner- und außerhalb des Fahrzeugs. Ein solcher Enabler ist zum Beispiel die „Over-the-Air“-Technologie. Damit können Softwareumfänge über die „Luftschnittstelle“ übertragen werden, um beispielsweise Kundenfahrzeuge zu aktualisieren. So können wir nicht nur einen permanent aktuellen Zustand des Fahrzeugs gewährleisten, es eröffnen sich auch neue Möglichkeiten der Individualisierung. Als sogenannte Function on Demand stellen wir dem Kunden dann etwa zusätzliche und gegebenenfalls zeitlich begrenzte Dienste und Funktionen kostenpflichtig zur Verfügung.

Wie würde das konkret aussehen?

Dr. Zöller: Heute sind wir es gewohnt, ein Fahrzeug zu verkaufen und dafür einen unmittelbaren Umsatzerlös zu erzielen. In Zukunft werden wir davon ausgehen müssen, dass der Kunde seine Investitionssumme nicht komplett für den Fahrzeugkauf allein ausgibt, sondern über den Besitzzeitraum verteilt. Das bedeutet, dass wir permanent neue Funktionen oder Features über die Fahrzeuglebenszeit nachlegen müssen. Wir nennen das „Car for Life“-Konzept und erwarten davon ganz erheblich Veränderungen für unsere Prozesswelten und das Kundenerlebnis.

Was bedeutet das für den Kunden?

Bischoff: Das Mobilitätserlebnis erweitert sich. Für den Kunden eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten in Bezug auf die Fahrzeugnutzung, beispielsweise durch Car-Sharing-Konzepte, und ihm stehen zusätzliche Serviceleistungen auf Abruf zur Verfügung.

Dr. Zöller: Der erfolgreiche OEM wird sich in Zukunft dadurch auszeichnen, dass er die Balance zwischen den neuen und seinen traditionellen Geschäftsfeldern findet, denn die klassischen Anforderungen an die Fahrzeuge werden weiter bestehen. Und insbesondere für einen Porsche gilt: Ein Sportwagen muss auch in Zukunft ein Sportwagen sein.

Wie sieht also Ihrer Vorstellung nach die digitale Porsche-Produktwelt im Jahr 2025 aus?

Dr. Zöller: Der Fahrzeugverkauf steht nach wie vor an erster Stelle. Wir werden jedoch verstärkt Dienste und  Dienstpakete als zusätzliche Produkte für die Individualisierung eines Fahrzeugs ermöglichen und anbieten. Der Kunde kann ein Gesamtpaket erwarten, das speziell auf ihn ausgelegt und damit besonders ist. Kurz gesagt: Wir schaffen ein persönliches Ecosystem für den Kunden, über das er ständig in jeder erdenklichen Weise mit seinem Fahrzeug, den erweiterten Funktionen und mit uns in Verbindung stehen kann.

Auf welche Themen legt Porsche dabei einen besonderen Fokus?

Dr. Zöller: Wir konzentrieren uns insbesondere auf Funktionen und Dienste, die durch unsere Kernkompetenzen und Markenspezifika gekennzeichnet sind. Beispielsweise auf Funktionen wie die bereits heute erhältliche Porsche Track Precision App, die auf abgesperrten Strecken außerhalb des öffentlichen Verkehrsraums eine detaillierte Anzeige, Aufzeichnung und Analyse der Fahrdaten auf dem Smartphone ermöglicht.

Bischoff: Auch Fahrwerksfunktionen könnten durch neue Features erweitert werden: Wenn ein Kunde auf bestimmten Strecken dynamischer unterwegs sein möchte, könnte er das Fahrzeug-Set-up beispielsweise anhand speziell zur Verfügung gestellter Daten darauf gezielt konditionieren.

Dr. Zöller: Wir finden zum Beispiel auch das Thema Premium-Parken für unsere Kunden extrem wichtig. Insbesondere bei dichtem Verkehr in den Innenstädten ist es ein großer Vorteil, wenn man Hilfe jeder Art beim Parken hat. Unser Ziel ist es dabei immer, das Porsche-Ecosystem zu berücksichtigen und ganzheitlich weiterzuentwickeln.

Dr. Rolf Zöller, Leiter Elektrik-Elektronik-Entwicklung bei der Volkswagen AG, Joachim Bischoff, Leiter Digitalisierung Porsche Engineering, 2017, Porsche AG
Dr. Rolf Zöller und Joachim Bischoff (l-r) im Porsche-Elektrik-Integrationszentrum

Welche Rolle spielen für Porsche separate Organisationseinheiten wie die Porsche Digital GmbH, das Digital Lab oder Porsche Engineering im Rahmen der digitalen Transformation?

Dr. Zöller: Sie ermöglichen uns eine effiziente und gezielte Fokussierung auf die jeweils unterschiedlichen Entwicklungsphasen bei gleichzeitiger Horizonterweiterung. Die Porsche Digital GmbH steuert die frühe Phase. Dort werden Strategien ausgearbeitet und Produktideen bewertet, daraus Business Cases und Kundenerlebnisse entwickelt, und es wird definiert, mit welchen Partnern neue Funktionen am besten umgesetzt werden könnten. Das Digital Lab kümmert sich darum, Methoden und Technologien anwendungsreif zu machen, und treibt damit die Tools und Prozesse für die Digitalisierungsprojekte voran. Porsche Engineering sehen wir als integralen Bestandteil für die Serienentwicklung des Entwicklungszentrums Weissach. Das betrifft sowohl die Software als auch Integration ins Fahrzeug und reicht vom Aufbau von Prototypen bis hin zu Tests und schlussendlich zur Validierung. Über all diese Themen hinweg agieren wir Hand in Hand und arbeiten effektiv und effizient zusammen.

Sicherheitsaspekte spielen bei zunehmender Digitalisierung eine immer stärkere Rolle. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung?

Bischoff: Sicherheit ist seit jeher ein essenzieller Bestandteil der Fahrzeugarchitektur bei Porsche. Die klassische Fahrzeugsicherheit in Bezug auf Diebstahl und Manipulation wird nun erweitert um die IT-Sicherheit. Wir betrachten beides als kontinuierliches Thema, das nicht mit der Fahrzeugentwicklung und -auslieferung abgeschlossen ist, sondern laufend weiterentwickelt werden muss. Hierfür haben wir Fachbereiche aufgebaut, stellen IT- und Security-Experten ein und arbeiten mit etablierten Partnern aus diesem Umfeld zusammen.

Dr. Zöller: Der Luftschnittstelle kommt dabei eine zentrale Rolle zu: Sie ist einerseits gegen äußere Eingriffe abzusichern und ermöglicht andererseits selbst eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Sicherheit des Fahrzeugs durch Updates – genauso wie bei einem Smartphone. So stellen wir auch lange nach seiner Auslieferung an den Kunden die Sicherheit des Fahrzeugs sicher.

Wie gehen Sie bei zunehmender Datenvielfalt und –menge mit der Datenauswertung sowie dem Thema Datenschutz um?

Dr. Zöller: Wir nehmen beides sehr ernst. Schon vom ersten Tag an haben wir den Datenschutz in unserer Connected-Car-Organisation fest verankert. In allen Produkten ist der Schutz der Privatsphäre Bestandteil des Grunddesigns. Wichtig ist, dass der Kunde weiß, was mit seinen Daten geschieht und wann welche Daten genutzt werden. Privacy Modes stellen sicher, dass keine Daten mehr übertragen werden, wenn der Kunde es nicht wünscht. Damit gehen wir viel weiter als alle anderen Wettbewerber.

Wofür können die freigegebenen Daten verwendet werden?

Dr. Zöller: Wir haben viele Ideen, die unser Kernprodukt betreffen. Wie uns anonymisierte Daten aus der Fahrzeugflotte zum Beispiel dabei helfen können, unsere Fahrzeuge noch besser zu machen. Oder dass wir damit in der Lage sind, eine hochpräzise Karte etwa für Echtzeitverkehrsmeldungen zu generieren. Solche Daten werden auch einen wichtigen Beitrag zum autonomen Fahren leisten, weil sie eine spurgenaue Abbildung der Realität darstellen, die vor allem aktuell ist. Diese Daten werden übrigens bereits im Fahrzeug vor dem Senden anonymisiert.

Bischoff: Es wird auch von den einzelnen Funktionen abhängen, wie die Daten genutzt werden und wer sie bekommt. Wenn ein Fahrzeug eine Strecke blockiert und hinter einer Kuppe steht, wäre es moralisch verwerflich, diese Daten nur an Fahrzeuge der eigenen Marke weiterzugeben. Solche sicherheitsrelevanten Daten werden sicherlich unter den verschiedenen Marken ausgetauscht werden. Restriktiver sieht es aus bei Daten für Porsche-spezifische Funktionen. Sie mögen für andere Hersteller nicht von Interesse sein. Aber für einen Hochleistungssportwagen umso mehr. Und ein Porsche wird immer typisch Porsche bleiben.

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