Machen? Machen!

Gut, dass wir mal über Veränderung reden.
Noch besser, wenn wir sie einfach machen.

von Wolf Lotter
 

FIELD sieht in Algorithmen unsichtbare Kräfte, die zunehmend unser Leben prägen. Für ihr Projekt „System Aesthetics“ hat das Kreativstudio diese programmierten Handlungsschritte erforscht. Sie sind systematisch und logisch – aber wenig greifbar. Mit digitalen Illustrationen übersetzt FIELD die inneren Prozesse in visuelle Metaphern, macht das Abstrakte sichtbar.

Das Bild der jungen Nieterin, 1942 im Auftrag des amerikanischen Westinghouse-Konzerns geschaffen, gelangte erst vier Jahrzehnte später zur Berühmtheit – und wurde zu einer Leitidee, nicht nur der Emanzipationsbewegung. Rosie the Riveter schaut uns entschlossen an, von Kaffee­tassen und Postern, T-Shirts und Wasserflaschen. Das Bild ist eine Ikone der Tätigkeit. Nicht rumfackeln. Machen.

Gilt das noch? Ist das alles nicht schon viel zu lange her und Anpacken längst Geschichte?

Rosie schaut uns an, bis heute.

Als ihr Bild entstand, waren die USA in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Frauen ersetzten wie selbstverständlich Männer an Fließbändern und Werkbänken. Sie schafften es nicht nur. Sie übertrafen alle Erwartungen. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte wurden so viele komplexe Technologien in so kurzer Zeit nach vorne gebracht. Auch die Organisation von Arbeit machte einen großen Sprung. Verblüffend, was die Kom­bination von systematischer Forschung und entschlossenem Handeln zu leisten imstande war. Nichts schien mehr unmöglich. Das war keineswegs nur dem Gesetz des Krieges geschuldet, der Notwendigkeit, sich zu vertei­digen. Rosie the Riveter und ihre Zeit atmen auch Zukunfts­optimismus, eine handfeste Angelegenheit: In Zeiten großer Veränderung gibt es immer viele Unwägbarkeiten, keine Garantie für Erfolg. Wer aber die Probleme anpackte, machte schnell die Erfahrung, dass sich die Welt zum Besseren verändern ließ. We can do it! Den Tüchtigen gehört die Welt.

Rosie erinnert uns daran, was wir sind: Veränderer. Aber vor allem: Macher.

Macher?

Darf man das eigentlich noch so nennen? Zweifellos hat der Begriff des Machers überall an Ansehen verloren. Denn damit sind nicht nur und ganz eindeutig diejenigen gemeint, die ihre Ärmel hochkrempeln, sondern auch jene, die gerne über Herausforderungen reden – aber lieber auf Aktionismus denn auf Aktivität setzen. Dann wird viel gesprochen und wenig gesagt. 

Solche Macher sind zum einen Verursacher, zum anderen aber auch stete Begleiter von gesellschaftlichen, ökonomischen und moralischen Verän­derungen sowie Krisen. Leute, die vorgeben, ein Problem lösen zu wollen, ohne zu handeln. Ihr Nichthandeln führt zu einer Entwertung der Entscheidung und der Begriffe, die zu ihr gehören. Das Ergebnis ist Dauergerede, das zu nichts oder nur wenig führt – jener „rasende Stillstand“, den der Philosoph Paul Virilio als neuen Normalzustand erkannte.

Doch Vorsicht, genauer hinsehen lohnt sich! Es gibt unterschiedliche Macher: die Vormacher, die anderen nur vorspiegeln, etwas bewegen zu wollen, und die Selbermacher, die – wie Rosie the Riveter – Probleme anpacken. Es gilt, gerade in Zeiten von Disruption, in einer neuen Ära zu leben und zu arbeiten, wieder den Blick für echte Macher zu schärfen, was nicht immer einfach ist, weil die Vormacher in aller Regel mehr ­Aufmerksamkeit bekommen. Sie suchen das Rampenlicht, während die anderen schon an Lösungen basteln. Ohne Selbermacher kommen wir nicht weiter. Wir brauchen sie dringender denn je.
 

Das 21. Jahrhundert hat eine Menge auf der To-do-Liste: „Grand Chal­lenges“, große Herausforderungen, Megaprobleme, also die gesamte Menschheit betreffende, offene Fragen, auf die wir konkrete Antworten finden müssen. Unbestritten zählen dazu der Klimawandel oder die Energie­wende, ebenfalls die Digitalisierung, welche die Art und Weise, wie wir arbeiten und leben, grundlegend verändert – so wie einst die indus­trielle Revolution.

Die Frage nach besserer Mobilität stellt sich drängend in einer Welt, die lokal und global wächst. Wie können wir uns bewegen, ohne unseren Freiraum bis zur Unkenntlichkeit einzuschränken?

Und als große Herausforderung gilt zudem die gute Nachricht, dass wir alle länger leben. Mehr Wohlstand und eine bessere Gesundheits­ver­sorgung mit viel Hightechmedizin lassen die Lebenserwartung weltweit ansteigen. Doch wie gehen wir mit den damit verbundenen Veränderungen um? Haben wir anpassungsfähige Sozialsysteme? Sind wir darauf ein­gerichtet, dass Älterwerden nicht mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet?

Fast alles, was heute zur Problemlösung ansteht, ist komplex und systemisch mit anderen Problemfeldern verbunden. Handeln wir in einem Feld, dann wirkt sich das häufig unmittelbar auf andere Felder aus. Das gilt auch, wenn wir absolut nichts tun. Und noch etwas verbindet all diese Fragen: Es gibt immer weniger Erkenntnisprobleme, aber es fehlt an der Umsetzung.

Das ist eigentlich merkwürdig.

Die Welt ist, was wir aus ihr machen. Man kann das auch mit dem Wort von der „normativen Kraft des Faktischen“ beschreiben. Hinter beidem steckt eine Konstante unserer Art. Wir alle sind Macher. Der Homo sapiens ist unweigerlich ein Homo Faber, ein „schaffender Mensch“, der bewusst handelt und Einfluss nimmt, ein Macher also, der sich nicht mehr allein
vom Schicksal und der nackten Existenznot treiben lässt, sondern Initiative ergreift, um seine Umwelt zu gestalten und sein Leben zu verbessern. Das ist eine kurze Zusammenfassung der Menschheitsgeschichte. Das ist unser Wesen. Der Homo Faber gibt sich nicht mit dem zufrieden, was er hat. Er weiß, dass man die Welt und ihre Dinge nicht so lassen muss, wie sie sind, sondern dass er sie verändern kann, durch gründliches Nachdenken, Verstehen und Umsetzen von Erkenntnis.

Das bricht sich immer wieder Bahn, auch wenn es Zeiten gibt, in denen das Machen, das aktive Leben, in den Hintergrund tritt.
 

Im Mittelalter wandten sich die Menschen dem Glauben zu, ließen sich vom Schicksal treiben. Das, was wir Neuzeit nennen, die Moderne, ist nichts anderes als die Rückbesinnung darauf, dass man nicht alles einfach hinnehmen muss, wie es ist, sondern durchaus etwas machen kann. Deshalb heißt dieser historische Abschnitt auch „Renaissance“, „Wiedergeburt“. Das gilt für manche Werte der Antike ebenso wie für die Rück­besinnung auf den Homo Faber, den schaffenden, schöpferischen Menschen. Nichts muss bleiben, wie es ist. Und nichts verändert sich von selbst. Das wird die Grundlage des Entdeckens, des Erforschens, des syste­matischen Wissenserwerbs und der Fähigkeiten, dieses Wissen praktisch anzuwenden. Die Wissenschaften entstanden und wuchsen, und bald schon unterschied man in Theorie und Praxis. Doch als Grundsatz der Moderne blieb das Handeln, das Etwas-Unternehmen, die wichtigste Konstante. Theorie und Praxis waren durch das von Aristoteles entdeckte und vom Gelehrten Comenius im 16. Jahrhundert wiederentdeckte Prinzip des „Lernen durch Handeln“ – des „Learning by Doing“ geprägt. Es ging immer um eine Verbindung von abstraktem Erkenntnisgewinn und Umsetzung. „Was man lernen muss, um es zu tun, das lernt man, indem man es tut“, nannte Aristoteles dieses Prinzip. Es geht nicht darum, sich ein möglichst exaktes Ziel zu setzen, das man tunlichst nach Plan erreicht, sondern dass man sich vorarbeitet, und zwar im Wortsinn.

Wir lernen dazu, während wir handeln. Grau ist alle Theorie, wenn sie nicht versucht, was sich aus ihr machen lässt.

Natürlich leben wir nicht mehr im Mittelalter, aber eines haben unsere Zeiten mit denen von früher schon zu tun: Die Herausforderungen scheinen zu groß zu sein, um gelöst zu werden. Man fängt besser erst gar nicht damit an. Es geht auch so.

Das ist, neben der Seele des Homo Faber, unsere zweite Natur. Und sie hat mehr mit den Menschen des Mittelalters zu tun, als uns im 21. Jahrhundert recht sein kann: Lieber abwarten, sollen die anderen machen, mal sehen, was daraus wird. Ob es nun um die großen Herausforderungen geht oder um die kleineren. Vor einigen Jahren wurde der Begriff der „Prokrastination“ in die Debatte eingeführt. Das Wort leitet sich ab vom lateinischen „procrastinare“, was so viel heißt wie „vertagen“. Der Schein trügt. Die Welt bleibt nicht für diejenigen stehen, die es sich in ihren Illusionen bequem eingerichtet haben. Während die einen prokrastinieren, machen die anderen.


Nichts verändert sich von selbst. Wir merken es nur nicht mehr so schnell wie früher. Komplexe Systeme führen dazu, dass man nicht unmittelbar mit den Folgen seines Nichtstuns konfrontiert wird. Die Gesellschaft unterteilt sich immer stärker in Milieus, die eine ganz bestimmte Sichtweise von Realität teilen. Die hohe Arbeitsteiligkeit trägt dazu ihren Teil bei.


Wir sind alle Spezialisten, und das heißt auch: Der Ausschnitt der Welt, den wir sehen, ist zwar viel detailreicher als früher – aber eben auch kleiner. Einzelne trauen sich gar nicht mehr zu, durch Handeln und Machen eine Entwicklung anstoßen oder verändern zu können. Alles außerhalb des eigenen Milieus erscheint fremd und andersartig. Dies ist eine weitere große Herausforderung, die oft übersehen wird. Handeln schließt Angst vor Veränderungen aus. Machen ist nicht blinder Eifer, kein Aktionismus, sondern baut auf Zukunftskompetenz. Das ist die Fähigkeit, mit Überraschungen umgehen zu können.

Die wird in der digitalen Wissensgesellschaft zur Kernfrage.

In der Industriegesellschaft war Planung alles. Massenproduktion und die Organisation der Massen war lange Zeit Grundlage der industriellen Revolution. Sie brachte etwas, das die meisten Menschen zuvor nicht kannten: Sicherheit, Verlässlichkeit, eine planbare Zukunft von der Wiege bis zur Bahre. Das blieb zwar allzu oft Theorie, aber das Leitbild war verankert und ist für weite Teile der Gesellschaft bis heute ein Ideal. Wo geplant wird, kann man an Stellschrauben drehen, alles kontrollieren und optimieren. Das sichert durchaus Fortschritt – bis zu dem Punkt, an dem man seine Beweglichkeit einbüßt. Systeme sind dann wie Menschen, wenn sie beginnen, an Zivilisationskrankheiten zu leiden. Aber das wird als Störung ignoriert. Wird schon wieder. Lassen wir das mal auf uns zukommen. Entwicklungen werden verdrängt, bis das Problem eskaliert.

Dann stehen wir vor dem, was der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Clayton Christensen Disruption nennt, ein – scheinbar – plötzlich eintretender Bruch in Technologien, Organisationen, Systemen. Der Plan bricht zusammen. Die Wirklichkeit hat uns überrascht.
 

Das sind die Ereignisse, die man dann – rückblickend – eigentlich hätte kommen sehen müssen, wie es heißt. Aber eben nicht sah, weil man im engen Planungskorsett gefangen war.

Das einzige bekannte Gegenmittel für solche Fälle heißt Offenheit. Es geht darum, an die Stelle des engen Plans mehr offenes strategisches Denken zu setzen, das diesen Namen verdient. Strategien sind per se offene Konzepte, die viel mehr mit Learning by Doing zu tun haben als mit dem sturen Abarbeiten einer To-do-Liste. Sie beschreiben eine Kultur des Machens. Das wird deutlich, wenn man an die Worte des preu­ßischen Generals und Strategievordenkers Helmuth von Moltke denkt: Strategien waren für ihn „ein System von Aushilfen“. Schon als junger Offizier hatte von Moltke gelernt, dass ein Plan – je enger und starrer – in der Schlacht umso erfolgloser war. Jede Veränderung musste unweigerlich in die Niederlage führen. An diese Stelle rückte von Moltke ein Fundament, auf dem – je nach Lage – flexibel entschieden werden konnte. Entscheidungen wurden dabei möglichst dezentral getroffen. Das verlangt Selbstständigkeit, überall. Und die Bereitschaft, dazuzulernen.

Was für den Plan gilt, ist auch für Methoden richtig. Sie sind Werkzeuge, die wir nach Bedarf nutzen, aber keine Dogmen, nach denen sich immer alles richten muss. So löst sich heute auch das Paradigma von der Trennung von Theorie und Praxis auf, die dem Machen im Weg steht.
 

 

Der österreichisch-amerikanische Philosoph Paul Feyerabend hat genau das vor mehr als 40 Jahren für die Wissensgesellschaft vorhergesehen und in seinem Werk „Wider den Methoden­zwang“ beschrieben. Das ist nicht nur die Aufforderung, über den eigenen Tellerrand zu schauen – und zu handeln.


Es ist auch die Idee der offenen Innovation: Monokulturen lösen sich auf und bilden neue Konstellationen und Sichtweisen. Mehr Farbe im Denken ist die Folge. Das verbessert nicht nur das Ergebnis und weitet den Blick, es hat einen entscheidenden Nebeneffekt: Neues, Überraschen- des bedroht das System und die Person nicht mehr, sondern macht im positiven Sinne neugierig.


Dieser Unterschied ist spielentscheidend. Die Überraschung ist kein Schock mehr, der lähmt und den Stillstand fördert, sondern eine Herausforderung, der wir neugierig begegnen.

Neugierde ist der Treibstoff hinter dem Homo Faber. Sie klappt nicht auf Befehl, höchstens auf freundliche Einladung. Neugierde ist vom selbstständigen Denken und Handeln nicht zu trennen. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine, an die man sich heute erinnern sollte.

Die großen Erfolge der industriellen Revolution im 19. und 20. Jahrhundert waren nicht auf ein enges Korsett des Plans und des Methoden­zwangs gebaut, sondern auf die realitätsfeste Verbindung von Theorie und Praxis. Unternehmerisches, selbstständiges Denken verband dabei das Forschen und Entwickeln mit der Anwendung.

Das galt für die Maschinenbauer und Ingenieure ebenso wie für die Pioniere der Digitalisierung. Neugierde mit Tatabsicht trieb sie ins Labor und in die Garage. Sie alle wollten wissen, wie es geht und was dabei herauskommt. Die vielleicht zutreffendste Bezeichnung dafür ist die des Unternehmers, eines Menschen also, der handelt, um zu sehen, was möglich ist – Learning by Doing eben.

Neugier und strategisches Denken sind als Grundlagen des Machens unerlässlich. Und sie führen zum Handwerk der Macher, dem Versuchen, dem Experiment. Wer sich auf Risiken konzentriert und nicht auf Chancen, dem mag dieser Begriff suspekt geworden sein. Aber die Zukunft, die Innovation und die Veränderung zum Besseren kommen ohne den Versuch nicht aus. Das Experiment ist die kluge Verbindung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Nachdenken und Machen. Im Experiment wird der scheinbare Widerspruch zwischen Denken und Handeln aufgelöst, in einem natürlichen Bewegungsablauf zusammengeführt. Zur Zukunft geht’s dann wie von selbst.

Das ist nicht neu, aber wert, immer wieder neu entdeckt zu werden. In den Worten des Aufklärers und Philosophen Georg Lichtenberg mag man diese Formel erkennen: „Das Neue kann man nur sehen, indem man das Neue macht.“

Los geht’s.

 


Wolf Lotter ist Wirtschaftsessayist mit dem Schwerpunkt Transformation und Gründungsredakteur des Wirtschaftsmagazins brand eins.

FIELD ist ein Creative Studio mit Sitz in London. In interdisziplinärer Arbeit mit Künstlern und Designern entstehen neue visuelle Formate an der Schnittstelle von Kunst und Technologie, von Bewegtbild bis hin zu progressiven digitalen Erlebnissen.