Digitalisierung erfasst alles. In der Digitalisierung wird Identität zum Thema mit offenen Fragen: Wie können physische Identitäten der realen Welt in digitale Identitäten der virtuellen Welt umgesetzt werden? Wie entstehen eigenständige Identitäten in der digitalen Welt?

von Manfred Broy

Die Fähigkeit zur Abstraktion gleicht dem Perpetuum mobile menschlicher Imaginationskraft. Wie bei verbaler Sprache, so können auch bildhafte Konzepte dabei helfen, das Formulieren von Gedanken schrittweise in immer höhere Sphären zu heben, sodass Aussagen für mehr und mehr Phänomene gültig werden. Amos Fricke interessieren solche Transitionen von einem Aggregatzustand in einen anderen unter den Bedingungen der Digitalität. Seine Formen oszillieren unentscheidbar zwischen klassisch-moderner abstrakter Malerei und bildschirmhafter Auflösung.

„Software is eating the World“ – der viel beachtete Essay des Netscape-Mitgründers Marc Andreessen trifft auch den Identitätsbegriff. Personen und Firmen setzen ihre physischen Identitäten, die sie sich bisher mit physischen Mitteln geschaffen haben, in die digitale Welt fort. So gewinnen sie eine digitale Identität und können die Möglichkeiten der digitalen Welt nutzen, um dort Identität zu erhalten. Es gibt nicht die digitale Identität im Gegensatz zur technischen. Intersubjektiv verschmelzen physische und digitale Identitäten in der Wahrnehmung der Menschen zu einer Identität. Für die Digital Natives ist die digitale Welt so real wie die physische – und eng mit ihr verwoben.

In der Digitalisierung gibt es hierzu eine bemerkenswerte Entwicklung. In der Virtualisierung geht das technische Bemühen dahin, Software und Hardware zu trennen, sodass Software als eigenständiges Objekt verstanden werden kann, mit einer eigenständigen Identität, losgelöst von der Identität der Hardware. Waren wir Menschen bisher daran gewöhnt, Identität stark mit Gegenständen zu verbinden, so ist in der Welt der Virtualisierung die Identität mit Objekten der Software verbunden, die gleichsam losgelöst über der Hardware schweben. Die Identität der Software löst sich völlig vom Physischen. Die physische Identität der Hardware stellt lediglich Ressourcen bereit und damit Plattformen zur Ausführung von Software. Es entstehen virtuelle Identitäten.

Digitale Transformation – Digitale Disruption
Was die Kultur und die Identität der Firmen, ihrer Kunden, ihrer Produkte und Dienstleistungen tief greifend verändern wird, sind cyber-physische Produkte – Systeme, Geräte, die mechanische, elektronische Anteile und eingebettete Software enthalten und über Netze untereinander sowie meist auch global vernetzt sind. Fahrzeuge werden – wie das Smartphone – durch die Dienste, die sie bieten, zu Partnern, zu Akteuren, die mit ihren Kunden interagieren, ihnen assistieren und umfassende Dienstleistungen erbringen – sei es autonom oder durch vernetzte Dienste.

Bis vor wenigen Jahren waren auch die Erzeugnisse digitaler Technik lediglich Werkzeuge, die der Mensch zu handhaben wissen musste, die aber selbst keine spürbare Identität besaßen. Je geschickter der Einzelne war, desto besser konnte er von ihrer Funktionalität profitieren, aber letztendlich waren sie nichts anderes als Werkzeuge. Auch wenn Autos wie „Käfer“ oder „Ente“ scheinbar eine eigene, sympathische Identität haben, blieben sie doch willenlose Geräte der Mobilität ohne wirkliches Eigenleben.

Das hat sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren dramatisch verändert. Besonders deutlich wird dies durch das Smartphone, ein Gerät, das aus Sicht der Nutzer vielfach ein deutliches Eigenleben führt, viel weniger als das gute alte Telefon nur das willfährige Werkzeug des Besitzers ist. Es vernetzt lokal gespeicherte personalisierte Information mit Kommunikation. Es verbindet mit dem Internet, mit sozialen Gruppen, schafft die Basis für Koordination, ist gleichzeitig Informationsinstrument und Mittel zur Lösung von Problemen – nicht nur lokal, sondern auch global mit den vielfältigen Kontakten des Besitzers. Die nahezu emotionale Beziehung vieler Menschen zu ihrem Smartphone steht im krassen Gegensatz zu der niemals vorhandenen Beziehung zum Telefon.

Was aber ist am Smartphone so attraktiv und wo ist der Zusammenhang zur früher oft gar engen Beziehung des Menschen zum Automobil? War nicht das Automobil in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts der Inbegriff der Freiheit und der Ungebundenheit? Diese vertraute Sicht übersieht einen wesentlichen Punkt. Physische Mobilität war immer ein Mittel der Menschen, teilzuhaben und Beziehungen zu pflegen, sich dorthin zu begeben, wo man dabei sein kann, Kontakte zu pflegen. Das Smartphone erlaubt ganz neue Formen der Teilhabe und des Kontakts. Soziale Netze schaffen Nähe ohne physische Nähe. Virtuelle Mobilität ersetzt physische Mobilität.

Mit jedem Schritt, mit dem ein Automobil interaktiver wird, sich dem Smartphone annähert und damit stärker zum Dialogpartner für den Besitzer wird, gewinnt das Fahrzeug mehr eigenständige virtuelle Identität. Automobile mit digitalen Diensten führen ein Eigenleben, interagieren mit dem Benutzer, sind immer wieder auch unvorhersehbar, manchmal eigenwillig, undurchschaubar, häufig aber nützlich und besonders mit vielen Fähigkeiten ausgestattet, die der Besitzer nicht hat. Mit der Einbindung der Fahrzeuge in soziale Netze wird es zum eigenständigen Individuum, vom Objekt zum Subjekt, vom Gerät zum Akteur. Autonomes Fahren verändert zudem die Beziehung zwischen Fahrzeuglenker und Fahrzeug. Der Mensch verliert in der Interaktion mit der Maschine an Dominanz und Einfluss. Rollen und Identitäten verschieben sich.

Schaffung digitaler Identität in der Mobilität
Zentrales Instrument der Identitätsstiftung ist die Interaktion zwischen Mensch und System. Hier liegt der Schlüssel für attraktive Funktionalität und die Herausbildung von Identität. Das Geheimnis der Akzeptanz und auch Attraktivität digitaler Systeme liegt genau in dieser optimal gestalteten Mensch-Maschine-Interaktion. Dabei ist der Mensch nur zu gerne bereit, erstaunliche Funktionalitäten eines Systems zu nutzen, ohne dass er notwendigerweise verstehen muss, wie diese Funktionalität erbracht wird. Wenn der Eindruck entsteht, dass das System in geheimnisvoller Weise genau seinen Erwartungen entspricht, ja eher positiv überrascht, dass es ein Leichtes ist, die gewünschte Dienstleistung vom System zu erhalten, wenn schließlich hohe Transparenz entsteht, auf welche Dienste man sich verlassen kann und in welcher Hinsicht man sich dem System anvertrauen kann, dann werden Identität und Vertrauen geschaffen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Idee der sogenannten Personas, das heißt die Idee von synthetischen Personen, die in den digitalen Medien gleichsam als Gesprächspartner für die Kunden auftreten, agieren und mit diesen in einen Dialog gehen, in dessen Rahmen Dienstleistungen erbracht werden, sich fast gar nicht durchgesetzt haben. Die Interaktion mit cyber-physischen Systemen muss eben nicht notwendigerweise bewährten Kommunikations- und Identitätsmustern folgen, wie wir sie zwischen Menschen gewohnt sind. Digitale Systeme müssen ihre eigenen Kommunikations- und Interaktionsformen entwickeln und damit ihre eigene Identität in der Interaktion.


Wenn der Eindruck entsteht, dass das System in geheimnisvoller Weise genau seinen Erwartungen entspricht, ja eher positiv überrascht, dass es ein Leichtes ist, die gewünschte Dienstleistung vom System zu erhalten, wenn schließlich hohe Transparenz entsteht, auf welche Dienste man sich verlassen kann und in welcher Hinsicht man sich dem System anvertrauen kann, dann werden Identität und Vertrauen geschaffen.


Digitalisierung schafft völlig neue Möglichkeiten und Herausforderungen für etablierte Unternehmen. Produkte, gerade Automobile, die über viele Jahrzehnte eine feste Rolle in der identitätsstiftenden Wirtschaftslandschaft eingenommen haben, werden ihre Identität durch die Digitalisierung dramatisch verändern.

Identität löst sich von den Gerätschaften und macht sich an virtuellen Diensten fest. Die Sicht auf Google hängt nicht vom Endgerät ab, das genutzt wird. Smartphone-Nutzer sind heute Cyborgs, deren Smartphones, genauer die Daten und Dienste, längst Teil ihrer Identität sind. Wird das Smartphone in das Auto eingebunden, so geht das Fahrzeug eine Symbiose mit dem Fahrer ein. Es ist nicht länger nur eine Steigerung der physischen, sondern auch der kommunikativen und kognitiven Fähigkeiten des Menschen und wird zum Instrument, über das man kommuniziert, über das man sich informieren kann, über das man anstehende Probleme löst, das assistiert. Es ergibt sich eine deutliche Verschiebung der Sicht der Kunden auf das Fahrzeug, schließlich aber auch auf den Fahrzeughersteller.

Daneben ermöglicht jedoch die Interaktion zwischen Fahrzeug und Kunden eine Fortsetzung bis in die Unternehmen hinein. Gerade autonomes Fahren als Basis für den Dialog zwischen Kunden und Fahrzeug schafft ganz andere Formen des Kundenzugangs in beide Richtungen.

Neue Identitäten in der Welt der Mobilität
Die heutige Verkehrsnutzung ist multimodal. Die morgige Verkehrsführung wird multimodal. Mobilitätsdienstleiter von morgen bieten multimodale Mobilitätsdienste an – Mobilitätsdienste als Partner des Kunden. Der Kunde hat Mobilitätsbedürfnisse, diese muss er nicht einmal explizit formulieren, sondern sie lassen sich in Teilen zumindest aus seinem Terminkalender oder aus seinen E-Mails ableiten. Auf dieser Basis buchen Mobilitätsdienstleister Flüge und Verbindungen, rufen Taxis oder nutzen Carsharing-Angebote. Multimodale Mobilitätsdienste von morgen sind wie eine Google-Suche, nur bequemer. Der digitale Assistent umsorgt das Mobilitätsdienstbedürfnis seiner Kunden umfassend, berücksichtigt eine Fülle von Informationen um die zu erbringende Mobilität herum. Mobilitätsdienstleister sind Partner der Kunden mit ausgeprägter eigener Identität.

Der Kunde eines multimodalen Mobilitätsanbieters nutzt je nach Bedürfnis unterschiedliche Mobilitätsdienste. Carsharing etwa führt dazu, dass er kaum Beziehungen zu diesen Fahrzeugen aufbaut, wie er das vielleicht zu seinem eigenen Auto tun würde. Die Identität, die er  mit Carsharing verbindet, verlagert sich direkt auf den Dienst und weiter auf den Dienstanbieter. Das ist eine Analogie zu Google mit seinem populären Suchdienst. Verbinden viele Menschen mit Google den Suchdienst mit spezifischer Identität, so werden sie gleichermaßen mit Mobilitätsdienstleistern eindeutige Identitäten verbinden,  gekennzeichnet durch die Art und Charakteristika der Dienste. Längst aber ist das Wort „Google“ Teil der Sprache geworden. Wir „googeln“ nach Begriffen. Wir „fragen“ Google. Google wird aus Sicht der Nutzer zumindest emotional weniger als Firma empfunden, sondern als Unternehmen mit Identität, das auf Anfragen zuverlässig antwortet.

Kundenidentitäten
Im Grunde genommen ist es verblüffend, dass sogar aktuelle Fahrzeuge bisher in der Regel die Identität ihres Fahrers nicht kennen. Ganz anders die Fahrzeuge der Zukunft: Sie werden wissen, ob ihr Fahrer es eilig hat und wie wichtig der Termin ist, der gerade ansteht. Sie wissen Bescheid, nicht nur, wo die nächste Tankstelle ist, sondern auch, welche Restaurants und Hotels der Fahrer schätzt, welche Radiosender er gerne hört bis hin zu dem Punkt, dass spezifische Sendungen, die ihn interessieren könnten, direkt eingestellt, aufgezeichnet und angeboten werden. Fahrzeuge werden zu eigenständigen Partnern des Menschen. Autonomie schafft noch einmal ganz andere Identitäten.

Diese Partnerschaft und deren Identität müssen sich auf den Anbieter übertragen. Eigenschaften des Produkts werden mit Eigenschaften des Unternehmens gleichgesetzt. Umgekehrt bekommen Kunden der Produkte aus der Perspektive des Automobilunternehmens eine neue ausgeprägte, personalisierte Identität – kodifiziert über zahllose Bewegungs- und Interaktionsdaten.

Damit entstehen neue mobile Sphären der Identität, die zugeschnittene Individualität in einer völlig neuartigen Weise der Kundenbindung und Individualisierung erlauben. Identität wird immer stärker dynamisch, ergibt sich aus der Interaktion zwischen Elementen, die sich ihrerseits schnell verändern. Menschen gewinnen ihre Identität zunehmend aus der Interaktion in und mit den digitalen Medien. Die Identität von Dienstleistung und cyber-physischem Produkt und damit auch des Herstellers und Anbieters aus Sicht der Menschen formt sich dynamisch beständig neu.


Menschen gewinnen ihre Identität zunehmend aus der Interaktion in und mit den digitalen Medien. Die Identität von Dienstleistung und cyberphysischem Produkt und damit auch des Herstellers und Anbieters aus Sicht der Menschen formt sich dynamisch beständig neu.


Und wo bleiben die vertrauten Identitäten?
Wo aber sind dann die Grenzen der Identität von Maschinen und ihren Diensten? Und wo liegen die Gefahren der Auflösung hergebrachter Identitäten? Läuft alles auf Wandel hinaus, dass sich alles verändern wird und muss? Oder ist eine Marke wie Porsche mit seiner Ikone 911 nicht genau das Gegenteil? Ein Fahrzeug wie der Porsche 911 verändert sich permanent, bleibt aber, was er ist – der ultimative Sportwagen. Digitalisierung verändert Unternehmen, verändert ihre Produkte, verändert sie auch ihr Herz? Neue Formen der digitalen Dienste, ortsungebundener Kommunikation, der Informationsdienste, umfassender Assistenzsysteme, optimierter Fahrdynamik auf Basis eingebetteter Software verfeinern die Fahrmaschine zu einem multifunktionalen System. Wo aber bleibt der Fahrspaß, die Faszination perfekter Sportlichkeit? Wird dies alles durch Kommunikation, Information und die Autonomie eingebetteter Assistenzsysteme überlagert oder ersetzt?

Die Gefahr besteht, dass die althergebrachte Identität von Marken nur in der Nostalgie überleben wird. Mit den neuen Augen der vernetzten Welt blicken Digital Natives – die Kunden von morgen – aus völlig anderen Blickwinkeln auf die Marken. Die Qualität der Dienste, der Daten und Fähigkeiten prägt Marken zunehmend, ohne dabei jedoch auf die Perfektion physischer Dynamik zu verzichten. Die Qualität eines Smartphones, einer App, einer Dienstplattform überlagert die Qualität und Wertigkeit eines physischen Produkts. In cyber-physischen Systemen der Märkte von morgen muss beides stimmen – die physische Erscheinung und Dynamik, aber auch die Qualität digitaler Dienste. Human Centric Engineering richtet das eine perfekt auf das andere aus, mit den Menschen in der Mitte. Physische Erscheinung und digitale Dienste stimmig und perfekt aufeinander abgestimmt, das prägt die Marken der digitalen Welt von morgen.

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy leitete an der Technischen Universität München den Lehrstuhl Software & Systems Engineering. Er gründete 2009 das Forschungsinstitut für angewandte Forschungstechnik fortiss. Seit 2016 ist er Gründungspräsident des Zentrums Digitalisierung Bayern. Durch die von ihm erarbeitete acatech-Studie agenda Cyber-Physical Systems wurden maßgebliche Initiativen wie Industrie 4.0 angestoßen.

Amos Fricke, geboren 1987 in Norddeutschland, Studium der Visuellen  Kommunikation an der Universität der Künste Berlin (2008 – 2015), Diplom in der Klasse für experimentelles Grafik-Design, im Anschluss Meisterschülerstudium und -arbeit bei Prof. Siegfried Zielinski, Austauschsemester Fine Arts an der Parsons School of Design New York (2011), Fokus auf Objektinszenierung, Hauptwerkzeug Fotografie, Studio in Berlin, international für unterschiedlichste Kunden und Publikationen tätig.