Wie Kunden einen digitalen Service bei Porsche mitentwickeln

Porsche Digital COO Stefan Zerweck hat kürzlich im Interview mit dem Branchenmedium W&V Einblicke gegeben, wie wir die “Two-Speed-World” bei Porsche - und insbesondere bei Porsche Digital - positiv zusammenführen und bewusst einen kulturellen Aufprall dieser unterschiedlichen Pole beeinflussen wollen.

“Der Kern unseres Unternehmens ist es, großartige Sportwagen zu entwickeln und zu bauen, die oft von unserer jahrzehntelangen Motorsport-Erfahrung geprägt sind. Unsere Herausforderung besteht daher darin, eine neue digitale Kultur nicht nur aufzubauen, sondern vor allem mit unserer Tradition zu verbinden.”

Ich möchte heute noch etwas mehr Blicke hinter die Kulissen gewähren und ein konkretes Beispiel vorstellen, wie wir uns nahezu täglich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen.

Vom Radnabenelektromotor zum Lohner-Porsche

Eine Industrie auf Speed - dieses Zitat kam mir kürzlich wieder in den Sinn. Denn so titelte der Journalist Tom Grünweg für Spiegel Online bereits 2013 - und meinte damit keineswegs den Geschwindigkeitsrausch im Motorsport, sondern vielmehr die notwendige Debatte über (zu) lange Entwicklungszyklen bei der Fertigung von Fahrzeugen. Da es je nach Modellreihe, Fertigungsart und natürlich Hersteller unterschiedliche Zyklen gibt, hier eine vereinfachte Darstellung: Die Entwicklung eines neuen Autos dauert drei bis fünf Jahre, von der ersten Skizze bis zur Vorstellung weitaus länger. Anschließend wird der Wagen dann üblicherweise sechs bis acht Jahre lang verkauft. Zwischendurch, also nach etwa vier Jahren, gibt es häufig ein kleines Update, ein sogenanntes Facelift, eine Produktaufwertung. Und das zeigen auch zwei Beispiele aus unserer eigenen Historie: Ferdinand Porsche meldete bereits 1896 das Patent für den Radnabenelektromotor an, der darauf basierende Lohner-Porsche als einzelnes Fahrzeug wurde dann 1899 gebaut und 1900 der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Erst-Entwicklung des Porsche 911, damals noch als Nachfolger des Porsche 356 erdacht, begann bereits in den 1950er Jahren, vorgestellt wurde das Fahrzeug als erster 911 seiner Art dann am 12. September 1963 auf der IAA in Frankfurt am Main.

Schlanke Prozesse, wenig Kapital, Learning-by-Doing

Für einen Software-Entwickler wie mich sind das nahezu unvorstellbare Zeiträume. Ein Beispiel: Die Dauer einer einfachen App-Programmierung beträgt selten mehr als 1-2 Monate, bei hoch komplexen Apps kann es schon mal bis zu einem Jahr dauern. Bei einem Hackathon stehen oft sogar nur 48 oder 72 Stunden zur Verfügung, um einen ersten Prototypen auf die Straße zu bringen. Und genau hier liegt ein entscheidender Unterschied zu Grunde.

Für uns Digital Nerds geht es häufig darum, eine Geschäftsidee, ein Produkt oder eine Dienstleistung zu gestalten und schnellstmöglich auf den Markt zu bringen - zunächst als unfertigen Prototypen. Ziel ist es, aus dem Feedback der Kunden frühst möglich Rückschlüsse für die weitere Entwicklung und mögliche Umgestaltung des Produkts ziehen zu können, um so Kosten und Zeit zu sparen. Begründet wurde diese Praxis vom US-Amerikaner Eric Ries, der 2008 auf seinem Blog - und 2011 in einem viel beachteten Buch - von der “Lean Startup Methode” sprach, die fortan zu einem Mantra für viele Jungunternehmer und Programmierer wurde und heute an zahlreichen Universitäten gelehrt wird. Schlanke Prozesse, wenig Kapital, hohe Agilität, Learning-by-doing also. Für die Automobilbranche nahezu undenkbar. Oder?

Jein. Natürlich können Fahrzeuge nicht nach dieser Methode entwickelt werden. Alleine aus Gründen der Sicherheit - aber natürlich auch getrieben durch unsere eigenen exzellenten Ansprüche, die wir bei Porsche an uns selbst stellen. Und doch steckt im “Prinzip Porsche”, begründet durch Ferry Porsche, Agilität und “Lean Startup”:

"Am Anfang schaute ich mich um, konnte aber den Wagen, von dem ich träumte, nicht finden. Also beschloss ich, ihn mir selbst zu bauen.”

Das Feedback der Kunden? Schon damals zentral, ebenso wie heute. Schließlich genießen der Kunde und die Porsche-Community bei uns einen hohen Stellenwert.

Digitalisierung führt zu neuen Services - und einem neuen Denken

Auch wenn dieser Vergleich mit unserer Unternehmensgeschichte schmeichelt und Tradition stets verpflichtet, möchte ich etwas aktuellere Beispiele bemühen, denn schließlich erleben wir einen Wandel der Mobilität, den es in dieser Geschwindigkeit in den letzten Jahren so nicht gegeben hat. In den nächsten 5 Jahren wird es mehr Veränderungen geben, als in den letzten 50 Jahren - so hat es Stefan Zerweck im eingangs zitierten Interview treffend auf den Punkt gebracht.

Bei nahezu voller Fahrt erleben wir neue Modelle des Reisens von A nach B: Getrieben durch intelligente Technologien widmet sich unsere Branche den vier großen Trends Elektrifizierung, Automatisierung, Konnektivität und dem Entstehen neuer digitaler Angebote. Und verbunden mit diesem Ansatz entsteht auch ein neues Denken. Mehr und mehr entwickelt sich ein Unternehmen wie Porsche vom traditionellen Automobilunternehmen zum softwaregestützten Automobil-Tech-Konzern. Das Geschäftsmodell wandelt sich, neue Technologien erhalten Einzug, revolutionieren den Status Quo - und bringen ein neues Denken mit sich.

Bei Porsche Digital wollen wir die Gänsehaut, die Kunden durch unseren Sportwagen bekommen, in eine neue digitale Ära überführen. Dazu haben wir neue Angebote wie Porsche inFlow oder Porsche 360+ entwickelt, die meine Kollegen auf diesem Blog bereits vorgestellt haben. Die Entwicklung dieser Apps basiert auf drei Grundpfeilern: Zunächst möchten wir das “Gefühl Porsche” mit digitalen Möglichkeiten verbinden. Dazu lassen wir unterschiedliche Perspektiven in die Entwicklung einfließen und arbeiten in crossfunktionalen Teams, bestehend aus Vordenkern, Innovatoren, UX-Designern und Entwicklern. Und zu guter Letzt lassen wir Mechaniken der Lean-Startup-Methode einfließen und wollen einen ersten Prototypen möglichst schnell auf die Straße bringen und diesen mit dem Kunden teilen - anders als ein Fahrzeug setzen wir hier auf ein sehr frühes Stadium und sind quasi permanent in der Beta-Phase.

Kundenfeedback trägt zur Entwicklung neuer Services bei

In Bezug auf die Digitalisierung beginnen wir immer mit dem Kundenerlebnis und arbeiten darauf aufbauend zur Technologie. So entwickeln wir unsere digitalen Aktivitäten Schritt für Schritt von einzelnen vertikalen Merkmalen zu einem horizontal integrierten Erlebnis.

Dabei spüren wir, dass ein Kunde einen anderen “Pain Point” als wir selbst besitzt. Dass er die App anders versteht als wir oder ihm andere Schwerpunkte in vermeintlich simplen Dingen wie der Menüführung wichtiger sind. Dies lösen wir zum einen über direktes App-Feedback, beim Download oder durch Daten, aus denen wir lernen können. Zum anderen suchen wir den Dialog und gehen in den direkten Austausch mit all denen, die die Ära Porsche über die letzten 70 Jahre geprägt haben.

Zum einen sind das wertvolle Kontakte innerhalb des Unternehmens, zum anderen sind das Fans der Marke. Aus diesem Grund sind Veranstaltungen wie das PFF Porsche Treffen in Böblingen für uns von enormer Bedeutung. Dort, wo der Asphalt glüht und die Reifen quietschen, dort wo Porsche-Fahrer und Fans zusammen kommen, ist es für uns zentral, gemeinsam in den Dialog über neue Angebote zu treten und den Kunden auf die digitale Reise mitzunehmen - und zuzuhören. Auf dem PFF Treffen in Böblingen bei Stuttgart haben wir Porsche Impact, Porsche 360+ und Porsche inFlow mit der Community direkt diskutiert. Dieser direkte Austausch auf Augenhöhe mit unseren Kunden hilft uns sehr, neue Service noch besser zu machen und noch besser in das Porsche Gefühl zu integrieren. Schnittstellen zu finden, konkrete Lösungen anzubieten. Die Highlights aus Böblingen zum Anschauen gibt es übrigens in unserer Instagram-Story.

Gleichzeitig spüren wir - und das bringt mich erneut zu einer “Two-Speed-World” - dass ein Produkt, auf dem Porsche steht, stets einen extrem hohen Anspruch genießt. Nicht nur bei uns selbst, sondern vor allem bei unseren Kunden, die über viele Jahre Porsche Performance auf exzellentem Niveau gewöhnt sind. Zugegeben, für mich als jemand, der digitale Produkte gestaltet, in Teilen eine neue Welt. Denn schließlich stehen wir vor der Herausforderung, einen Spagat zu schaffen zwischen der Entwicklung nah am Kunden und Produkten auf exzellentem Niveau. Beta Status eben. Das ist so gewollt. Und dennoch muss er bereits so fortgeschritten und ausgereift sein, dass er den “Porsche Stempel” verdient. Das führt uns im Prozess auch dazu, dass wir bei der Entwicklung von neuen Services auf Whitelabeling zurückgreifen, um die Ansprüche von Porsche nicht zu gefährden, uns gleichzeitig aber zentrale Methoden zur App-Entwicklung zu Nutze zu machen.

Früher Prototyp von Second Skin powered by Porsche Digital auf dem PFF-Treffen

Im Rahmen des PFF-Treffens haben wir erstmalig einen frühen Prototypen von “Second Skin” powered by Porsche Digital vorgestellt, Autofolierung mit individuellen und einzigartigen Designs. Der Kunde hat die Möglichkeit über den Online Konfigurator sein Fahrzeug sowie sein Wunschdesign auszuwählen und vorab aus jedem Blickwinkel und im kleinsten Detail zu betrachten.

Eine digitale Lösung für ein neues Kundenerlebnis. Dieses soll eine „One Shop“ Experience bieten. So werden auf der Onlineplattform für den Kunden Designer und Fahrzeugfolierer zusammengeführt. Vor dem offiziellen Launch war das Porsche Treffen in Böblingen für uns genau der richtige Ort, einen ersten Ausblick auf das neue Angebot zu demonstrieren und das wertvolle Feedback der Community einzusammeln. Diese Eindrücke aus vielen Gesprächen werden nun durch uns und unsere Partner verarbeitet und in die Optimierung des Produkts integriert. Und es wird wieder Möglichkeiten geben, diesen weiter entwickelten Status Quo mit der Community zu teilen und neues Feedback zu integrieren.  Um es auf den Punkt zu bringen: Das Feedback zu dem noch jungen Produkt ermöglicht uns das messbare Lernen bezüglich der Kundenwünsche und der Bedürfnisse des Marktes. Die gewonnenen Erkenntnisse führen dann wiederum zu einem weiteren Produktentwicklungs-Zyklus. Und so entsteht Schritt für Schritt ein digitales Angebot, das den Namen Porsche verdient.

Es ist eine spannende Zeit, in der wir leben. Und sie bietet uns nahezu unendliche Möglichkeiten - Möglichkeiten, die erfolgreichste Sportwagenmarke der Welt mit smarten Technologien zu verbinden und dabei einen entscheidenden Mehrwert für den Kunden zu generieren, den er selbst mitentwickeln kann. Das bedeutet für uns, Teil der sportlichen Mobilität von morgen zu sein. Wir werden auf unserem Blog immer wieder einen Blick hinter die Kulissen geben und freuen uns - genau wie zu unseren Produkten - auf euer Feedback.

Weitere Informationen zu Second Skin powered by Porsche Digital gibt es im Porsche Newsroom.

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